Einfach, aber auch gut

20.04.2014, 23:32 Uhr

Manchmal kommt man irgendwohin und denkt, die Zeit ist stehen geblieben. Dann ist man da und möchte, dass die Zeit wirklich stehen bleibt. Meist sind es nur Kleinigkeiten, die sowas auslösen, aber die sind ja auch gelegentlich das wichtigste. Da sitzt man in einer Gaststätte, schaut aus dem Fenster und dann das:

Blick aus dem Fenster

Blick aus dem Fenster

Ok, für das Wetter (es lagen auch noch einige Schauer in der Luft) kann die Gaststätte nicht, aber es gibt eben Tage, da passt einfach alles. Und es war ein herrlicher Tag. Schöne Bilder sind entstanden. Das Wetter war sehr schön, schlechtes spielte sich zwar im Blickwinkel, aber doch weit genug entfernt ab.

Und weil alles Gute nie beisammen ist, wurde zum Abend nach einer Gaststätte gesucht, die das Glücksniveau wieder auf ein erträgliches Maß senken sollte. Immerhin ist das dort durchaus auch eine touristische Region, wenn auch noch nicht sehr stark erschlossen, was für die Gegend spricht. Aber bei einigen Ecken drängt sich eine kleine passende Erschließung geradezu auf. Immerhin waren vorhandene Bänke und Toiletten sauber und gepflegt, Papierkörbe, Hundeabfallbeseitigungshilfen waren vorhanden und gerüstet.

Die aufgesuchte Gaststätte machte von außen einen einfachen, aber aufgeräumten Eindruck, eine Dorf- oder Ausflugsgaststätte stellt man sich so vor, wo es dann Wiener mit Kartoffelsalat und warme Limo gibt. Immerhin gab es auch noch ein Schild “Imbiss” am Gebäude, der wohl auch mit bewirtschaftet würde, wenn denn Saison ist. Nach dem Eintreten bestätigte sich der bisherige Eindruck: Einfach, aber gepflegt, mit dem Charme der 1990er Jahre und einer langen Fensterfront, die den Blick auf den See genießen ließ. Ein Billard- und Spielautomatenraum ergänzte die dorfgaststättliche Atmosphäre.

Kollege Volksmund meint gelegentlich: “Der erste Eindruck trügt.” “Teils, teils”, kann man da drauf antworten. Die Speisekarte überraschte dann doch. Neben mehreren Seiten allerlei Getränke gab es genau eine Seite Essen: 2 Suppen, ein Steak, drei Schnitzel, eine Roulade, ein Wild- und ein Fischgericht. Sollte hier wirklich mal umgesetzt sein, was man sich als Gast nur wünschen konnte: Wenige, dafür handwerklich und frisch zubereitete Gerichte, dafür öfter mal wechselnde Speisekarten? Es schien so, stand doch oben drüber “Osterkarte”.

Die Suppen waren schnell aufgeteilt, die Hauptgerichte ausgewählt. Das Spiel konnte beginnen. Die Getränke kamen nach einer kurzen, aber sympathischen Beratung zügig. Saisonal herausgefordert, stand natürliche eine Spargelcremesuppe auf dem Programm. Die war sicher selbst gekocht, konnte aber einen gewissen Convenience-Anteil auch nicht ganz verbergen. Das war aber auf einem akzeptablem Level, immerhin braut man sich ja bei einem Ragout Fin die Worchestersoße auch nicht selber. Die Soljanka kam gehaltvoll und bunt gemischt daher, die einzige kleine Bemängelung lag im beiden Suppen beigelegten Toast, der sicher gern noch ein wenig länger der aufknuspernden Hitze ausgeliefert gewesen wäre.

Als Hauptgerichte gab es Roulade mit Rotkohl und Klößen auf der einen und Schnitzel “Jäger Art” mit Kroketten auf der anderen Tischseite. Bei dieser Bezeichnung sei eine kleine Erläuterung angebracht, ist doch das Jägerschnitzel als Begriff nicht eindeutig und vor allem regional unterschiedlich belegt. Stünde allein der Begriff auf der Speisekarte, wäre ob der Geografie des Ortes eher eine panierte und gebratene Jagdwurstscheibe mit Tomatensoße zu erwarten gewesen. Aber es war eine Pilzsoße annonciert, eng verbunden mit einem richtigen Schnitzel, was die Spannung ob seiner Zubereitung beinahe knisternd spürbar machte, gibt es sowas doch auch schon fertig in beinahe jeder Tiefkühltruhe.

Dosierte, aber kräftige Klopfgeräusche aus Richtung Küche deuteten nicht die Befreiungswünsche des Kochs, wohl aber dessen frische Zubereitung des Schnitzels an. Schade nur, dass es dann offensichtlich frittiert wurde. Den (Fertig-)Kroketten wurde diese Behandlung auch zuteil, hier aber wohldosiert und so nah vor dem Servieren, dass sie von der Hitze das zuviel hatten, was den Suppen evtl. fehlte. Dafür gab es eine kleine – und einzig mögliche – Gemeinsamkeit zwischen der Spargelcremesuppe und der Pilzsoße, die ein wenig am ansonsten guten Gesamteindruck nagte.

Zum Nagen braucht man gute Zähne, und wer mal Zahnschmerzen hat, sollte auf einer Gewürznelke kauen. Nun hatte zwar keiner Zahnschmerzen, aber für eine Prophylaxe wurde gesorgt. Bei der Zubereitung von Rotkohl kann man unterschiedlich herangehen, was die über den Kohl hinaus gehenden Zutaten betrifft. Nelken gehören sicher auch hinein, aber wohldosiert und nicht fünf pro Portion. Dem gegenüber standen aber handgeformte Klöße und vom Chef höchstselbst gewickelte Rouladen, die all das in richtigem Maße enthielten, was hinein gehört, das entsprechend positive Geschmackserlebnis inklusive.

Zum Abschluss dann wie immer ein doppelter Espresso und ein Cappuccino. Leider streikte wohl gerade die Milchpumpe, so dass auch hier auf einen Espresso umgeschwenkt wurde. Dafür hab es dann auch noch einen Aquavit und einen Gebirgskräuter zur Verdauung. Angesagt war jeweils ein doppelter, aber manchmal sind die Augen doch etwas schlechter beim Einschenken, so dass der Flüssigkeitsstand doch deutlich über dem Eichstrich stand. So deutlich, dass das allein mit der leicht erhöhten Temperatur der Getränke nicht erklärt werden kann. ;-)

Der Caffé kam aromatisch und wohltemperiert auf den Tisch, allein, der kleine Servicetest misslang, so dass die beiden kleinen Schwarzen “trocken” runtergewürgt werden mussten; das “Würgen” aber nur des Wortspiels wegen, war doch am Espresso selbst nichts zu bemängeln. So endete der Tag doch noch an einer wunderschönen Stelle unserer heimischen Gegend, von der wir hier doch sehr viel und sehr schöne haben. Wenn man denn mal mit dem Auto in südöstliche Richtung unterwegs ist, lohnt ein kleiner Ausflug an den Oberuckersee und in die Seegaststätte am Quast (53.204206, 13.887316). Webseite oder ähnliches gibt es nicht, deswegen mal nur die Koordinaten. Für Radler oder Wanderfreunde seien die Bahnhöfe “Warnitz, Bahnhof” oder “Warnitz, Uckermark” (lt. Karte gibt es diese zwei) oder “Seehausen” empfohlen.

 

Hommage an die Heimat

12.04.2014, 23:36 Uhr

Irgendwann in den 1990er Jahren sah ich mal ein Präsentationsvideo meiner Heimatstadt Neubrandenburg. Dort hieß es so schön, dass die Stadt an den Hauptverkehrsströmen von Skandinavien nach Südeuropa und vom Atlantik nach Russland liegt. Oder so ähnlich. Angespielt wird auf die ringförmige Kreuzung zweier bedeutender Bundesstraßen, der B 104 und der B 96. Damals. Und wie es sich für eine solche Kreuzung gehört, sind es vier Straßen*), die sich hier vereinen aus den vier Himmelsrichtungen.

Neubrandenburg – Die Stadt der vier Tore. So heißt sie doch auch immer noch. Und wenn man die beiden Mauerdurchbrüche nicht mitzählt, hat unsere beinahe preisgekrönte Stadtmauer**) vier Stadttore aufzuweisen, die auch irgendwie unstimmig zu sein scheinen, außer, man nimmt an, der Ring hätte sich im Laufe der Geschichte etwas gedreht. Das Friedländer Tor zeigt eher nach (Alten-)Treptow, das Treptower Tor nach Stavenhagen, das Stargarder Tor nach (Neu-)Strelitz und das Neue Tor nach (Burg) Stargard. Aber wer die alten Wege weit vor den Bundes- und Fernverkehrsstraßen kennt, der weiß, dass doch alles stimmt.

Die Zahl Vier scheint doch irgendwie mit Neubrandenburg sehr eng verbunden zu sein. Aber da ist sie nicht die einzige. Der Tollensesee gehört auch mit dazu, unser Kulturfinger, Sportvereine, die schon Weltmeister hervorgebracht haben und vieles andere mehr gehören auch dazu. Kulinarisch möchte ich mich, was den Ruhm der Stadt betrifft, mal nicht so weit aus dem Fenster lehnen. Zwei der auch über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Getränke***) aus der Stadt gibt es nicht mehr, die Firmen sind pleite bzw. verkauft. Immerhin gibt es im weiteren Umfeld Deutschlands nördlichstes Weinanbaugebiet, aber das gehört nicht wirklich zu Neubrandenburg. Die große Bäckerei in der Stadt hat europaweit Kunden, nur steht da meist der Hersteller so direkt nicht auf den Produkten.

Wie wäre es mal mit einem typisch Neubrandenburger Gericht? Es sollte aus vier wesentlichen Zutaten bestehen, die irgendwas mit der Stadt oder der näheren Region zu tun haben. Mit dem Gedanken trage ich mich schon eine Weile. Mehrere Ideen wurden geboren und verworfen****). Aber jetzt ist es endlich so weit: In Kürze kann die Kreation bestaunt und nachgekocht werden. Etwas anderes mit 4 Buchstaben wird bei der Präsentation helfen: EiTV. Die kommende Folge, übrigens eine Jubiläumsausgabe, wird das Gericht nachmachbar zeigen. Es ist einfach herzustellen, hat aber einen Nachteil: Eine Zutat ist sehr saisongebunden. Wir hoffe, EiTV noch in der diesjährigen fertig zu bekommen. Morgen wird gedreht.

_____________________

*) Wer genauer hinsieht, auch damals schon, sieht natürlich sechs Straßen, denn auch die B 197 und die B 192 sind mit der Stadt verbunden, aber naja …

**) Die Sache mit dem UNESCO-Weltkulturerbe ist doch vom Tisch, oder?

***) Cherry Lady und die Neubrandenburger Biere

****) Das “Datzesuppe”-Rezept war schon sehr ungewöhnlich. Obwohl es ein konkretes Vorbild hatte, ich glaube aus der österreichischen Küche.

Eine Röstkartoffel hätte auch nicht geschadet

30.03.2014, 00:40 Uhr

Auf der Facebookseite vom Herdnerd schrieb ich tagsüber ein Wortspielrätsel, es sei hier zur Einleitung wiederholt:

“Ey Keule! Ein schweinischer Witz!”
“Essen Sie gerne Wild?”
“Nein, lieber ruhig und langsam.”

Frage: Was wurde gekocht? Es stecken fast alle Bestandteile drin und auch die Zubereitung.

Ihr habt 5 Sekunden Zeit, nochmal zu überlegen.

5

4

3

2

1

Die Lösung: Wildschweinkeule nach der Niedrigtemperaturmethode. ;-) Dazu gab es ein Rotweinsoßenwurzelgemüsemus.

Dazu kommt erstmal die (ausgelöste) Wildschweinkeule, die vorher mit Salz bestreut wurde, in eine heiße und mit hitzebeständigem Öl benetzte Pfanne.

Wildscheinkeule anbraten

Hier geht es da drum, der Außenhülle ein paar schöne Röstaromen zu verpassen. Macht sich später sicherlich auch gut in der Soße.

Das Fett schön heiß

Das Fett kann ruhig so heiß sein, dass es fast raucht. Es geht nur um die Kruste, die aber von allen Seiten.

von allen Seiten anbraten

Ist das Fleisch rundum gebräunt, nimmt man es heraus und lässt es etwas ruhen. Dann kommen die kleingeschnittenen Gemüse in die Pfanne: Möhre, Lauch, Petersilienwurzel, Sellerie, Zwiebel, Knoblauch, … Auch das wird etwas gesalzen.

Wurzelgemüse anrösten

Alles gut und heiß anrösten. Dabei hilft gelegentliches Umrühren, damit nichts anbrennt.

Schön durcheinander

An einer freien Stelle wird dann auch noch Tomatenmark mit etwas Paprika (je nach Vorliebe Rosenpaprika und edelsüßer Paprika in der bevorzugten Mischung) angeröstet.

Tomatenmark und 2x Paprika anrösten

Hier gilt es, streng darauf zu achten, dass nichts anbrennt. Das schmeckt dann eher suboptimal.

Anrösten, aber nicht verbrennen

Besser etwas früher als zu spät wird das Gemüse mit dem Tomatenmark vermischt.

Unter das Gemüse gemischt

Auch eine Chilischote (Größe nach persönlichem Befinden) kann nicht schaden. Entweder ganz (um sie irgendwann wieder rauszufischen) oder auch vorgeschnitten.

Auch eien Chilischote darf nicht fehlen

Dann kommt das Fleisch wieder aufs Gemüsebett und alles wird mit Rotwein (und Wasser) abgelöscht.

Fleisch wieder hinein und mit Rotwein angießen

Viel muss es nicht sein, aber zwischen dem Gemüse sollte er sichtbar werden, während alles einmal aufkocht.

Einmal aufkochen lassen

Dann gehts bei 80 bis 100°C in den Backofen (Umluft).

Ab in den Ofen

In der Zeit, wo sich der Braten im Rohr befindet, wird er mehrmals mit Rotwein übergossen. Das Gemüse soll nicht trocken liegen.

Ende der Ofenzeit, zwischendurch mehrfach übergossen

Zum Ende hin habe ich die Temperatur auf 160°C hochgedreht, um noch etwas Farbe aufs Fleisch zu bekommen. Sollte es schon durch das anfängliche Anbraten eher dunkel geworden sein, erübrigt sich der Vorgang. Die wichtige Frage, die Euch jetzt durch den Kopf geht, ist die nach der Dauer des Aufenthalts des knapp 800 g schweren Fleischstücks im Ofen. Ich weiß es nicht, da ich vergessen habe, auf die Uhr zu schauen. Von Gefühlen geleitet wird es so anderthalb bis zwei Stunden drin gewesen sein.

Fleisch zum ruhen in Alufolie

Das Fleisch wird der Pfanne entnommen und in Aulufolie eingewickelt, damit es warm bleibt.

Soßenbestandteile in Topf

Die Soße kommt in einen Topf und wird hier fertig gestellt. Was ihr drauß macht, ist Eure Sache. Ich habe den gesamten Pfanneninhalt püriert und ein delikates, wenn auch etwas dünnflüssiges Mus (also für Mus war es dünn-, für Soße aber zu dickflüssig) etwas gezauberstabt. Weniger Gemüse hätte eher eine Soße ergeben. Oder ich hätte mehr Rotwein in der Ofenphase zugeben sollen, aber die halbe Flasche reichte auch.

Bei weniger Gemüse wird's soßiger

So gab es Pamps, der mit Salz, Pfeffer, Zucker, Balsamico-Essig, Zitronensaft u.a. abgeschmeckt wurde.Das nachfolgende Bild zeigt den Versuch einer Anrichtung und gibt den Hinweis, dass eine mehlig kochende Kartoffel beim Anrösten hätte mit dabei sein dürfen, dann hätte sich der Pamps nicht so getrennt.

Bratenscheiben auf Gemüserotweinmus

Wider erwarten schmeckte es aber recht gut. Auf die Bratenscheiben kam noch etwas Fleur de sel und zur Garnitur etwas Salbei.

Bratenscheiben auf Gemüserotweinmus

Guten Appetit. Mir hat’s geschmeckt. An der Optik hätte man noch feilen können.

P.S.: Dieser Artikel entstand unter dem Einfluss von “etwas” kalifornischem Zinfandel (2012). Das ist eben immer die Krux, wenn man Soße mit weniger als einer Flasche Rotwein macht … *hicks*

Big Steak Sandwich – nur zum Gucken

27.03.2014, 22:56 Uhr

Meine kleine Antwort auf all die Bäcker-, Bistro-, Croque-, Döner- usw. Produkte, von denen man unbedingt sehen möchte, wie der jeweilige Entwickler sie unfallfrei vorisst. Das geht einfach nicht! Irgendwas kleckert oder krümelt doch immer runter. Dabei könnte das Gesamtkunstwerk durchaus als ernährungsphysiologisch wertvoll durchgehen.

Drei Scheiben Brot mit Aufstrich

Drei Scheiben Vollkornbrot sind doch schon mal eine gute Basis für eine gute Mahlzeit. Dazu kommen als gestrichene Aromaten Senf, Dänische und normale Remoulade (links), Grillsoße und Dänische Remoulade (Mitte) und englische Pickles (rechts). In der Zeit, als die Stullen beschmiert wurden, ruht bereits ein hinreichend großes Steak bei guten 80°C im Ofen, das vorher schön angebraten wurde. Vor der weiteren Verwendung wird das Steak halbiert.

Zwei halbe Steaks aufs Brot

Dazu kommt dann noch etwas Grünzeug, hier leckerer Feldsalat.

Feldsalat

Nun wird gestapelt. Erst die mittlere Scheibe auf die rechte …

Zwei Etagen

… und dann die dritte Scheibe mit 180°-Dreher oben drauf.

Fertig: Big Sandwich

Jetzt wird alles etwas zusammen gedrückt und kann gegessen werden.

Abgebissen

Dieser Abbiss ist unter Aufbringung allen Geschicks entstanden, um noch das Bild hinzubekommen. Die Verspeisung des Restes glich eher einer Völkerschlacht. Aber lecker wars trotzdem. Die saure Note durch die Pickles, die alternativ auch gern durch Balsamico-Essig dargestellt werden kann, mag ich gern im Steakburger.

Wir lernen aber, dass man auch Burger nicht zu hoch bauen sollte. Da gab es doch schon mal Probleme mit höheren Turmbauen. Stichwort Babylon.

Antagonisten

27.03.2014, 19:29 Uhr

Aus unserer ständigen Reihe “Wortsalat mit Quasselsoße an roten Beten” heute die Episode: Man guckt eben doch nicht ungestraft Fernsehwerbung. Dazu ein paar einführende Worte. Die kleine Vorsilbe “un-” verkehrt den Sinn eines Wortes in sein Gegenteil. Aber es gibt Ausnahmen; manchmal haben diese Antagonisten auch eigene Begriffe. Ein typisches Beispiel ist das Wortpaar “Feuer” und “Wasser”. Aber es gibt mehr:

lecker – bäh
pflanzlich – tierisch
frisch – alt
chemisch – natürlich
usw. usf.

Und dann gibt es plötzlich eine Firma, die Feuer und Wasser vermischt, um im Bild zu bleiben. Ein antagonistisches Pärchen würde mir übrigens noch einfallen: Margarine und Butter. Ok, ganz spontan ist diese Idee nicht, die erwähnten Wortpaare orientieren auch schon darauf. Aber jetzt habe ich sie in der Wewrbung entdeckt: Margarine mit 21% Butter. Das Image des pflanzlichen Brotaufstrichs völlig pervertierend wird hier auf der Suche nach breiteren Käuferschichten ein geschmacklicher GAU produziert.

Butter mit zugesetztem (Raps-)Öl gibt es bekannterweise schon etwas länger. Das macht sie auch gekühlt streichfähig. Der Ölanteil liegt hier bei etwa 15%. Diese Aufstriche gibt es auch in einer sogenannten “Light”-Version (worin sich die Leichtigkeit ausdrückt, verstehe ich nicht), wo Teile der Butter durch ein nicht näher definiertes pflanzliches Fett ersetzt werden. Nachteil: Das schmeckt schon deutlich nach Margarine. Bei der neuen Margarine mit Butterzusatz nähert man sich jetzt aus der anderen Richtung.

Die Margarine mit Butter schmeckt laut einem Pressetext “lecker” und “… enthält auch gutes Pflanzenöl und ist auch gekühlt streichzart.” Was ist gut an Pflanzenöl? Um es in einen streichfähigen Zustand zu versetzen, ist eine chemische Behandlung notwendig. Nur die wenigstens pflanzlichen Fette sind bei Zimmertemperatur fest, die einen haben aber einen deutlichen Eigengeschmack (Kokosfett), die anderen werden umweltbedenklich erzeugt (Palmfett). Also ist wohl doch Chemie in der Margarine. Außerdem hat dieses Streichfett normalerweise keinerlei Vorteile gegenüber Butter, was den Fett- oder Kaloriengehalt betrifft. Natürlich gibt es auch Sorten, die unter 85% Fettgehalt liegen. Reingemischtes Wasser hilft da bei dieser Schönung sehr. Nur: Wasser und Öl verbinden sich eher nicht, also werden auch noch Emulgatoren hinein gemischt, was die “Gutebutter” (frei nach Jochen Malmsheimer) alles nicht braucht.

Bei all den guten Zutaten müsste übrigens Margarine entschieden billiger als Butter sein. Der Blick ins Supermarktregal wirft dann doch die Fragen auf, was am realen System falsch läuft …