Fisch in Scheiben

Bei der Fotografie im Foodbereich (wie eigentlich auch bei allem anderen) steht man bei der Nachbearbeitung vor einem Problem: Sollen die Bilder möglichst gut aussehen oder möglichst nahe am Original sein. Im Idealfall ist das natürlich kein Widerspruch, aber wann gibt es schon mal Idealfälle, vor allem, wenn man unter “besonderen” Lichtverhältnissen fotografiert.

Normalerweise versuche ich immer das mit dem möglichst gut aussehen, aber diesmal sollte es dann doch so dicht wie möglich am Original sein. Das ist natürlich nicht so einfach, weil ich ja nicht weiß, wie Ihr Eure Monitore und Displays eingestellt habt. Aber auf meinem Display sehen die Farben auf nachfolgendem Bild doch recht nahe am Original aus.

Fisch als Aufschnitt

Lasst Euch bitte nicht von der äußeren Form beeindrucken, offensichtlich hatte das rechte Produkt einen kleinen Transportschaden, aber ich wollte es Euch natürlich trotzdem zeigen. Normalerweise sähe es von der Form her wie die Scheiben auf der linken Seite aus. Sorry.

Stellt sich die Frage, was das ist.

Fisch als Aufschnitt

Nun, die Frage ist einfach zu beantworten. Was da im Vordergrund aussieht wie eine etwas hell geräucherte Jagdwurst, nennt sich “Lachs-Aufschnitt”, oben drüber – das leicht verunglückte – kommt unter dem Namen “Makrelen-Aufschnitt” unter die Leute. Und als ich das im Laden sah, dachte ich noch: wie interessant. Wenn es schon Fleischsalat als Aufschnitt gibt, warum nicht auch Fisch. Zu Hause riss ich dann die Packungen auf, was übrigens auch nicht so einfach war.

Es gab Zeiten, in denen ich mal über ein langes Wochenende oder über die Feiertage eine Katze besuchen und dann futtern, streicheln und das Katzenklo putzen durfte. Als ich die Fischaufschnittpackungen geöffnet hatte, fühlte ich mich irgendwie in die Zeiten zurück versetzt, genauer an den Zeitpunkt des Öffnens der Katzenfutterdosen. Das roch, beinahe unabhängig vom Inhalt, genauso.

Aber ich habe es trotzdem probiert – nachdem ich mich mehrfach versicherte habe, dass das MHD noch nicht vorbei war. Nicht umsonst habe ich die Reisekochreportagen mit Anthony Bourdain und insbesondere mit Andrew Zimmern gesehen. Welche Firma würde schon Katzenfutter als “Aufschnitt” bezeichnen?

Beim Makrelenaufschnitt, der von der Konsistenz her auch als Aufstrich durchgehen könnte, hatte ich gleich ein sandiges Gefühl im Mund, begleitet durch einen intensiven Fischgeschmack mit säuerlicher Note. Ein Blick auf die Zutatenliste erklärte einen Großteil davon: 70% Makrelenfilet (der Fischgeschmack), Wasser, Tomatenkonzentrat und Tomatenpulver (Farbe und säuerliche Note). Darüber hinaus gab es noch Bindemittel (Gelantine, Kartoffelstärke, E407), geschmacksverstärkende Stoffe (Hefeextrakt) und noch mehr. Und damit es die Tomate nicht zu sauer macht, waren auch noch Glukosesirup und Zucker mit dabei.

Fisch als Aufschnitt

Die Lachsscheiben hatten schon eher die Konsistenz von Aufschnitt, sie schmeckten auch – man möchte fast sagen: lachstypisch – etwas feiner. Könnte aber auch am fehlenden Hefeextrakt liegen, was nicht heißt, dass kein Geschmacksverstärker drin war. Diesmal hieß er Kaliumchlorid. Trotzdem hinterließen die Scheiben wenig Eindruck. Wo die immerhin 83% Lachs, die laut Zutatenliste drin waren, ihren eigenen Geschmack gelassen haben, kann man nur vermuten. Ansonsten sind noch fünf E-Nummern und ein paar andere Stoffe drin, mit denen man Fisch nicht ergänzen muss, wenn man ihn in seiner natürlichen Form aufs Brot legt. Mit am eigentümlichsten war die Konsistenz, für die mir ein passender Vergleich nicht wirklich einfällt. Einen pulverisierten Radiergummi, der kalt wieder zusammengepresst und vorher noch etwas befeuchtet wurde, stelle ich mir so vor.

“Fish with a smile” steht auf der Verpackung. Fische haben offensichtlich einen sehr schwarzen Humor, wenn sie bei diesem Aufschnitt lächeln. Oder diesen morbiden Wiener Humor…

Antagonisten

Aus unserer ständigen Reihe “Wortsalat mit Quasselsoße an roten Beten” heute die Episode: Man guckt eben doch nicht ungestraft Fernsehwerbung. Dazu ein paar einführende Worte. Die kleine Vorsilbe “un-” verkehrt den Sinn eines Wortes in sein Gegenteil. Aber es gibt Ausnahmen; manchmal haben diese Antagonisten auch eigene Begriffe. Ein typisches Beispiel ist das Wortpaar “Feuer” und “Wasser”. Aber es gibt mehr:

lecker – bäh
pflanzlich – tierisch
frisch – alt
chemisch – natürlich
usw. usf.

Und dann gibt es plötzlich eine Firma, die Feuer und Wasser vermischt, um im Bild zu bleiben. Ein antagonistisches Pärchen würde mir übrigens noch einfallen: Margarine und Butter. Ok, ganz spontan ist diese Idee nicht, die erwähnten Wortpaare orientieren auch schon darauf. Aber jetzt habe ich sie in der Wewrbung entdeckt: Margarine mit 21% Butter. Das Image des pflanzlichen Brotaufstrichs völlig pervertierend wird hier auf der Suche nach breiteren Käuferschichten ein geschmacklicher GAU produziert.

Butter mit zugesetztem (Raps-)Öl gibt es bekannterweise schon etwas länger. Das macht sie auch gekühlt streichfähig. Der Ölanteil liegt hier bei etwa 15%. Diese Aufstriche gibt es auch in einer sogenannten “Light”-Version (worin sich die Leichtigkeit ausdrückt, verstehe ich nicht), wo Teile der Butter durch ein nicht näher definiertes pflanzliches Fett ersetzt werden. Nachteil: Das schmeckt schon deutlich nach Margarine. Bei der neuen Margarine mit Butterzusatz nähert man sich jetzt aus der anderen Richtung.

Die Margarine mit Butter schmeckt laut einem Pressetext “lecker” und “… enthält auch gutes Pflanzenöl und ist auch gekühlt streichzart.” Was ist gut an Pflanzenöl? Um es in einen streichfähigen Zustand zu versetzen, ist eine chemische Behandlung notwendig. Nur die wenigstens pflanzlichen Fette sind bei Zimmertemperatur fest, die einen haben aber einen deutlichen Eigengeschmack (Kokosfett), die anderen werden umweltbedenklich erzeugt (Palmfett). Also ist wohl doch Chemie in der Margarine. Außerdem hat dieses Streichfett normalerweise keinerlei Vorteile gegenüber Butter, was den Fett- oder Kaloriengehalt betrifft. Natürlich gibt es auch Sorten, die unter 85% Fettgehalt liegen. Reingemischtes Wasser hilft da bei dieser Schönung sehr. Nur: Wasser und Öl verbinden sich eher nicht, also werden auch noch Emulgatoren hinein gemischt, was die “Gutebutter” (frei nach Jochen Malmsheimer) alles nicht braucht.

Bei all den guten Zutaten müsste übrigens Margarine entschieden billiger als Butter sein. Der Blick ins Supermarktregal wirft dann doch die Fragen auf, was am realen System falsch läuft …

Majoaufschnitt

Ein kulinarischer Höhepunkt ist Fleischsalat vermutlich nicht wirklich. Fleischbrät, Majo, Gürkchen und im Idealfall noch ein paar Kräuter und Gewürze. FleischsalatMeist hat auch noch die Majonäse die absolute Mehrheit an diesem Salat, der mit dem üblichen Sinn, den man dem Wort “Salat” unterstellt, aber so gar nichts gemein hat.

Bei Fleischsalat gibt es auch noch Unterschiede in der Qualität, vor allem bei den gekauften Varianten. Neben den Sorten Standard, mit Kräutern und mit Salzgurke unterscheiden sie sich in der Form des verwendeten Bräts, was leider meist so einfach keins ist. Irgendeine anonyme Fleischwurst oder Lyoner wird in dünne Scheiben und dann in Streifen geschnitten und zu dem Salat verarbeitet.

Was soll das?! Kann man da nicht vernünftige Schnittformen rein bringen, so dass man wenigstens was zu kauen hat. Der Verdacht liegt nahe, dass hier wirklich einfach nur Scheibenwurst weiter verarbeitet wurde anstatt beim halbwegs frischen Fleischwurst-Produkt anzufangen.

Für alle diejenigen, die sich diesen Salat auch noch aufs Brot schmieren wollen, gibt es seit einiger Zeit derartige Salate schon in einer Form, bei der die Einlage in kleine Würfel geschnitten wurde, so dass eine gewisse Streichfähigkeit erreicht wurde. Meist sind diese Würfel so klein, dass eine undefinierbare und charakterfreie Masse entsteht. Eiersalat, Tunfischsalat, Fleischsalat, Käse-Obst- oder Geflügelsalat gibt es in der Form.

Nun habe ich noch etwas entdeckt, was eine Weiterentwicklung durch die Brotbelagsindustrie darstellt. Fragen wir uns also mal, was passiert, wenn in die Majonäse des Fleischsalates (es gibt auch eine Eiersalatform) Rindergelantine eingearbeitet wird? Genau. Wir erhalten einen Salat, der eine schnittfeste Masse darstellt:

Fleischsalat in Scheiben

Beworben wird das übrigens mit dem Vorteil, dass damit der Fleischsalat bestens für unterwegs ist. Die haben wohl alle ihren Knigge nicht gelesen! Fleisch- und vergleichbare Salate gehören sowieso nicht aufs Brot, das wird ggf. eher dazu gegessen. Außerdem ist dieser “Aufschnitt” auch geschmacklich nicht der Bringer, es scheint gut Wasser mit verarbeitet zu sein. Da liebe ich doch den Fleischsalat von meinen Fleischer (nicht das obige Bild). Halb so viel Majo (oder sogar noch weniger) wie bei den Simulanten aus dem Kühlregal und handwerklich erzeugte Fleischwurst als Grundlage.

Veggie-Day am Ostpeenestrand

Nach der Völlerei zu den Fest- und Feiertagen ist es eine Idee, sich mal nicht die dicken Fleischmahlzeiten so mancher gastronomischer Einrichtung der Region zu widmen, sondern etwas leichter ins neue Jahr zu starten. Fisch ist dort eine immer wieder gern angenommene Alternative. Wo gibt es die besten Fischgerichte? Natürlich bei einem Spezialisten, der die nötige Erfahrung und ggf. sogar die eigene Fischerzeugung mitbringt. Schade, dass die Fischverkaufsstelle mit Imbissbetrieb in der Friedländer Straße in Neubrandenburg Samstagabend nicht geöffnet hat, aber dazu später mehr.

Die Anreise gestaltet sich etwas aufwendiger, aber man findet doch hin, liegt die Gaststätte doch direkt an einer Bundesstraße, nur eben an keiner, die auch durch Neubrandenburg führt. Parkplätze sind aber ausreichend vorhanden, das Fischrestaurant ist darauf eingerichtet, sogar Busladungen von Gästen zu verköstigen. Interessant ist hier die Raumaufteilung, sitzt man trotzdem nicht in einer großen Gasthalle. Innenarchitektur und ein paar Wände ohne weitere Funktionen helfen, trotzdem einen gemütlichen Eindruck zu vermitteln. Die Dekorationen und sonstigen Gestaltungen sind passend und mecklenburgisch zurückhaltend.

Angenehm aufmerksam hingegen zeigt sich der Service im Verlauf des gesamten kulinarischen Vorgangs. Getränke, auch Folgebestellungen, kamen zügig, und auch das Essen wurde formvollendet serviert. Was übrigens nicht serviert wurde, war der Salatteller, was sich aber als positive Eigenheit darstellt. Der Gast ist selbst gefordert, sich auf einem Salatbüfett das zusammen zu stellen, was ihm behagt. Jahreszeitlich bedingt waren “nur” Weißkrautsalat, Rotkrautsalat, Gurkensalat, Zwiebelsalat, Lauch-Mais-Salat, Möhrensalat und Eisbergsalat verfügbar, Sahnemeerrettich und Salatsoßen kamen hinzu. Von der Idee ist das durchaus einen Pluspunkt wert.

Klassische Soljanka stand keine auf der Karte, wohl aber eine auf Wassertierbasis. Vollmundig, kräftig, aber nicht zu fischig im Geschmack, die Fischsoljanka kann man durchaus als lecker bezeichnen. Die ebenfalls bestellte Tagessuppe, die auf Nachfrage unter dem Namen “Kartoffelsuppe” auch mit auf den Tisch kam, hielt das Niveau im Vorspeisenbereich nicht. Im Gegenteil: Die Vorfreude, die sich durch das Salatbüfett und die Soljanka aufgebaut hatte, wurde hemmungslos zu Boden gerissen. Kennt noch jemand das Kartoffelkloßmehl aus DDR-Zeiten, aus dem man recht graue Klöße erzeugen konnte? Die Kartoffelsuppe schmeckte so, als ob dieses in etwas mehr Wasser aufgerührte Zeug die Basis bildete. Mehl schien das Hauptaroma zu sein, daran änderten auch die Möhren- und Sellerie-Julienne nichts, die in einem Anflug von Frischevermittlung den Weg in die Suppentasse fanden. Von Kartoffeln war weit und breit keine Spur, dabei kann man von Tagessuppen wohl durchaus erwarten, tagesfrisch hergestellt zu sein.

Die Zeit – wie ich irgendwo schon mal thematisierte – ist eine wichtige Zutat bei allen Gerichten und Produkten, die gut sind. Wo sie fehlt oder zu viel ist, wirds schlechter. Das richtige Timing ist wichtig, sei es bei der Comedy oder auch beim Kochen. Und für eine Küche ist die Entscheidung relevant, ob sie nach der Vorspeise lieber den Gast ein wenig warten lässt oder ob das Hauptgericht auf den Gast wartet. In letzterem Fall ist das gekonnte Warmhalten eine Kunst, die gelernt werden will, leidet doch sonst der Tellerinhalt mit der Zeit immer mehr.

Faulenroster PannfischIn der besuchten Gaststätte scheint man sich für die letztere Möglichkeit entschieden zu haben. Hauptsache, das Essen ist fertig, wann der Gast es bekommt, ist irrelevant. Die Bratkartoffeln zum Pannfisch waren sicher irgendwann mal schön knusprig, immerhin wurden sie selber hergestellt und nicht irgendein Convenience-Produkt genutzt. Auf dem Tisch des Gastes hatten sie aber all ihre Knusprigkeit verloren. Naja, fast alle. Aber bei den knusprig erscheinenden Stellen könnte es sich auch nur um bloße Antrocknung gehandelt haben. Dazu gab es in einem kleinen Kännchen eine sich Senfsoße nennende cremige Flüssigkeit, die bis auf das Senfaroma ein wenig an die oben erwähnte Kartoffelsuppe erinnerte: Mehlpampe mit Senf. Schade um den Senf. Aber es war ja nicht viel davon drin. Am besten waren auf dem Teller doch das Salatblatt (knackig frisch), die Zitronenspalte, die Röllchen von der Frühlingszwiebel und die halbe Tomate.

Kochen nach der Saison sollte nicht nur eine Mode, sondern die Regel für gehobene Gastronomie sein. Aber nicht nur dort, auch die heimische Küche und die Menschen, die sie bewohnen, haben durchaus ihren Vorteil daraus. Im Winter werden Wintergemüse genutzt, im Sommer eben das, was gerade reif ist. Dem Kochkundigen stellt sich aber dann doch die Frage, was ein “Risotto der Saison” sein sollte. Meines Wissens ist keine der Hauptzutaten wirklich ein Saisonprodukt. Risottoreis, Parmesan, Butter, Hühnerbrühe, Salz, Pfeffer, Schalotten, mehr braucht es nicht. In geeigneter Weise verarbeitet, ergibt sich eine schmackhafte, cremig schlotzige Beilage oder sogar ein Hauptgericht.

Gegriller Lachs mit Risotto der Saison“Gegrillter Lachs mit Risotto der Saison” steht auf der Karte, serviert wurden trockene Lachsscheite an Reis(mehl)pamps mit ein paar Paprikajulienne und ziehenden Käsefäden. Mehr fällt mir dazu nicht ein. Vielleicht noch der Hinweis, dass es ggf. an einer Überlastung des Service nicht gelegen haben kann, der das Essen wegen Überlastung zu spät aus der Küche geholt hat. Wir waren zwar nicht die einzigen Gäste, aber es war zwischendurch nur ein anderer Tisch besetzt, der aber die Küche nicht belastete, da sich hier zu einem verspäteten Kaffee-und-Kuchen-Essen-und-Trinken getroffen wurde, während unser Abendbrot vielleicht etwas verfrüht war; aber bei durchgehend warmer Küche sollte das kein Problem darstellen. Immerhin waren auch hier die Tomatenhälfte, die Zitronenspalte und das Salatblatt von ausgewiesener Frische.

Bei allem Lob für den Service, aber beim Abschlusstest holte er sich dann doch noch ein Minus. Die Kunst des Milchaufschäumens für einen Cappuccino bedarf noch ein wenig Übung, beim doppelten Espresso gab es den Totalausfall: Dünn, kühl und ohne Begleitwasser. Naja, alles Gute ist eben nicht beieinander. Vielleicht muss man den Welshof mit dem Restaurant zum Fischer Fritz besuchen, wenn er knackig voll ist. Mit größeren Gästezahlen kommt man da hoffentlich besser zu recht und das Essen ist von höherer Qualität. Zur Zeit (gilt bis 05.04.2014) scheint sich der Besuch nur montags bis donnerstags zu lohnen, da hat das Restaurant nämlich geschlossen. Eine gute Chance übrigens, bei den Müritzfischern in der Neubrandenburgern Innenstadt vorbei zu schauen. Frisch gebratene Fischfilets nach Angebot mit Sättigungsbeilagen sind allemal besser als das, was mir bei meinem Besuch in Faulenrost geboten wurde.

Gewitter über Land und Meer

Grau sah es aus an diesem Novembertag, als die Reise auf Deutschlands sonnenscheinreichste Insel ging. Das Wetter verhöhnte diesen Slogan nach Kräften, es hätte nicht verwundert, wenn auch noch Schneegriesel gefallen wäre oder von irgendwoher ein Donner grollte. Kollege Volksmund ist da ja immer mit Tipps parat, auch wenn diese sich mittlerweile überholt haben bzw. auch als falsch nachgewiesen sind. Das gilt im Gewitterfall auch für den Spruch: “Eichen sollst Du weichen, Buchen sollst Du suchen.” Zumindest auf den ersten Teil des Satzes sollte man manchmal doch öfter hören.

Neben vielerlei Badespaß bietet Usedom dem, der zu gehen, hören, schmecken, sehen, fühlen und spüren fähig ist, allerlei Zerstreuung, Anregung und Betätigung. So verschlug es zwei hungrige Autofahrer in den Süden der Insel. Da das Kulturprogramm wegen Geschlossenheit ausfiel, wurde der niedergehende Nieselregen schnell durcheilt, um dem Ziel der Atzung näher zu kommen. Der Einzug in ein Hotelrestaurant geschah zügig und nicht unbeobachtet, so dass der Service seine Tätigkeit aufnehmen konnte.

Bei diesem Aspekt des gastronomischen Erlebnisses können wir gern ein wenig verweilen, da hier (und nur hier) der positive Teil dieser Geschichte stattfindet. Wohldosierte Aufmerksamkeit dem Gast gegenüber war verbunden mit einem angenehmen, vielleicht etwas ange- aber auf keinen Fall verstaubten Ambiente. Der Gast hatte die Wahl, Getränke gleich oder erst nach dem Studium der Karte zu bestellen, leere Gläser und Flaschen wurden bemerkt, das Besteck entsprechend der Bestellung gerichtet. Und, um das Ende mal vorweg zu nehmen, auch das Ding mit dem Espresso und Cappuccino klappte beinahe makellos, auf jeden Fall besser als in JEDEM(!) anderen bisher besuchten Lokal. Auf die Bestellung je eines doppelten Espressos und eines Cappuccinos kamen die Getränke auf kleinen Tabletts und der Espresso war automatisch ergänzt durch ein kleines Glas Wasser und ein Zuckerdöschen. Das hätte ich mir auch für meinen Cappuccino gewünscht. Aber man hilft sich als Gast gern gegenseitig aus. Das kleine Manko: Zumindest der Espresso unter dem Milchschaumhäubchen hätte durchaus etwas aromatischer und kräftiger sein können. Aber auch das ist Geschmackssache.

Der Besuch fiel zufällig in die 9. Usedomer Wildwochen und so war die Hauskarte durch eine kleine Wildspeisekarte ergänzt. Drei Wildgerichte und eine Suppe standen zur Auswahl, und auch die normale Speisekarte führte das eine oder andere Wildgericht auf. Die Usedomer Waldpilzcremesuppe, eine (unvermeidliche) Soljanka, einen Burger Helbut und Wildschweinmedaillons mit einem Kartoffel-Birnen-Gratin, Gemüse-Julienne und Soße standen neben ein paar Getränken am Ende auf der Rechnung und vorher auf dem Tisch. Die Soljanka war mit Ausnahme der eben gemachten Aufzählung nicht weiter erwähnenswert. Die Waldpilzcremesuppe allerdings war das schleimigste und die Pilze darin das fehlaromatischste, was ich bisher erlebt habe. Man konnte den falschen Eindruck haben, dass über die Pilze vor dem Trocknen noch eine Schnecke rübergelaufen ist, die aber später mit verarbeitet wurde. Warum keine frischen Pilze verwundet wurden – habe ich nicht gehört, wir hätten gerade eine hervorragende Pilzsaison? – wird ein ewiges Geheimnis der Küche bleiben.

Während man sich an den Suppen noch beinahe die Zunge hätte verbrühen können, bestand diese Gefahr bei den Hauptgerichten nicht mehr. Vielleicht waren sie schon vor den Suppen fertig? Man weiß es nicht. Der Wildburger Helbut bestand aus einem großen blonden Sesambrötchen, dass mit gesprengtem Eisbergsalat, Tomatenfragmenten, angebratenem und dann kochend gegartem Wildfleisch und einer cremig-süßen Soße (ich dachte erst, es wäre eine Cocktail-Soße, aber es muss irgendwann mal eine Preiselbeere vorbeigelaufen sein) belegt war. Das Wildfleisch war kein Burger (also Hackfleisch) im klassischen Sinn, sondern war nur in dünne Scheiben geschnitten und “verrückt” auf den Salat geschichtet. Das Wort “verrückt” entstammt übrigens der Speisekarte.

Zum Helbut gab es ein Kännchen Bratensoße, einer aromatischen, aber dünnen, eher an Brühe erinnernden Flüssigkeit, die so schmeckte, als ob das im Burger befindliche Fleisch darin gegart wurde. Es könnte auch sein, dass das Fleisch so schmeckte, als ob es in dem Fond gegart wurde, aber das wäre ja fast das selbe. Während man beim Italiener gern mal Brot zum Essen dazu bekommt, um letzte Tropfen leckerer Soße damit vom Teller zu bekommen, war der Inhalt des Kännchens dazu da, über das Burgerbrötchen geschüttet zu werden. Wenn jetzt aber diese nur sehr zart angetoastete sesambestreute und aufgeblasene Mehlwatte mit Flüssigkeit in Berührung kommt, weiß jeder, was damit passiert. Statt des Handwerkerspruches “Nach fest kommt ab.” gilt hier “Nach feucht kommt Matsch.” Ursprünglich wollte ich auch nur das Fleisch mit der Soße überschütten, aber die Bauart des Burgers ließ es nicht zu, war doch die cremige Burgersoße nicht unterhalb des Fleisches – wie es sich gehört – sondern obendrauf.

Zart und weich, so war das Burgerbrötchen und auch das Fleisch im Burger. Die Wildschweinmedaillons auf dem anderen Teller waren es nicht. Eigentlich ist sowas ja das feinste vom Tier. Das Filet wird in dicke Scheiben geschnitten, die werden sanft plattiert und dann kurz gebraten. Würzung nicht vergessen. Was aber hier als Medaillons auf den Teller kam, war an Zäh- und Festigkeit kaum zu übertreffen. Das Haus hat übrigens gutes Besteck, was in dem Zusammenhang positiv erwähnt werden sollte. Damit hier nicht nur negatives steht. Vielleicht kommentiert auch der Esser mal, ob er am nächsten Tag Kaumuskelkater hatte. Eine schöne Trainingseinheit für markante Gesichtszüge war der Verzehr der Filetscheiben auf jeden Fall.

Auch der Rest der Tellerauflage bekleckerte sich nicht mit Ruhm. Bei Wein und anderen Getränken gibt es bekanntermaßen eine empfohlene Trinktemperatur. Bei Wildfleischgerichten sollte es sowas auch geben, bei den Gerichten war sie auf jeden Fall nicht erreicht (und gerade Wild lebt von ein wenig Temperatur). Aber auch das Kartoffel-Birnen-Gratin half da nicht dem Wohlempfinden auf die Sprünge.

Im großen und ganzen kann man in diesem Fall nur froh sein, dass die Usedomer Wildwochen am Tag des Erscheinens dieses Artikels ihren letzten Tag haben. Es bleibt zu überprüfen, ob die Gerichte der normalen Speisekarte besser beim Gast ankommen als die von der Spezialkarte. Ansonsten gilt für den Gasthof “to’n Eikbom” in Dargen auf Usedom: “Eichen sollst Du weichen …” (Volksmund).