Vom misslungenen Versuch, einen Burger so zu essen, wie ihn sich der Koch gedacht hat

Es gibt viel schöne Orte in und um Neubrandenburg, vor allem, wenn man auf Landschaft und Gegend steht. Unser See gehört mit dazu, und wenn man dort auch noch eine gastliche Städte findet, in die man einkehren und leckeren Labsal zusammen mit der Natur (oder einem Blick darauf) genießen kann, ist das Paradies doch beinahe schon perfekt. So oder so ähnlich muss es in Nonnenhof – als es dort noch die Ausflugsgaststätte gab – gewesen sein, wenn wandernde, radelnde oder schifffahrende Vier-Tore-Städter dorthin kamen und es genossen. Meine Erinnerungen reichen zwar nur für ein warmes Wiener Würstchen, ein Stück Kuchen und ein Glas rote Limo, aber das ist dann die Ungnade der späten Geburt, die mich die echte Hoch-Zeit der Gaststätte am südlichen Tollensesee nicht miterleben ließ.

Drehen wir die Geschichte, die Geografie und die Zeiten ein wenig um, kommt die Frage nach dem „Nonnenhof“ der Klein Nemerower, Meiershofer, Alt Rehsener und Prillwitzer in den Sinn. Dabei landet man an oder auch in einem Haus, dass durchaus einen guten Ruf hat in der Region. Ein Bett aus Vorschusslorbeeren ist bereitet und wir können mal gucken, wer drin liegt. Um es gleich vorweg zunehmen: Es ist nicht der Zonk.

Bevor es aber zum Essen, Trinken und Service geht, müssen wir noch einen kleinen Ausflug in die deutsche Sprache unternehmen, um die richtigen Vokabeln richtig verstanden einsetzen zu können. „Durchwachsen“ fällt mir als Gesamteindruck ein, ich fürchte aber, dass es als Bewertung zu negativ belastet ist. Nähern wir uns dem Begriff aus der kulinarischen Richtung, wäre die feinere, positiver besetzte Variante „marmoriert“, was aber als Bewertung noch weniger greift. Unter einer „vielfältigen“ Leistung stellt sich vermutlich auch jeder etwas anderes vor, kommt aber dem gewollten Sinn schon wieder etwas näher. Vielleicht fällt mir ja noch später ein passsenderer Begriff ein (oder ihr schreibt mir einen).

Es war geradezu saunaesk „himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“, wenn auch das nicht schon wieder hemmungslos übertrieben ist (saunaesk im Sinne der Gegensätze von heiß und kalt und dem ständigen Wechsel). Sehen wir uns den Service an: Wenn man seine Aufmerksamkeit erstmal erweckt hat, kommt er sehr charmant und herzlich daher, wobei die Skalierung je nach Person von mecklenburgisch zurückhaltend (was kein Negativkriterium ist!) bis scherzhaft (auch noch auf der angenehmen Seite) pendelt. So gab es ein paar Kleinigkeiten, die doch etwas länger gedauert haben als gut war: Erstkontakt, Bemerken leerer Gläser (teils), Bemerken des Zahlungswunsches. Das meiste lief aber sehr gut, so dass man von Serviceseite her von einem gelungenen Abend sprechen kann.

Gelungen waren auch die Hauptgerichte, wenn auch der Zander und das Schweinemedallion doch etwas zu durch waren. Beim Versuch, den nach dem Hause benannten Burger stilvoll zu verspeisen, scheiterte der Esser. Der Versuch, den Burger so zu essen (zumindest in einem Happs), wie ihn sich der Koch gedacht hat, misslang; es wollten einfach nicht alle Schichten gleichzeitig auf die Gabel. Immerhin reichte es zu den Erkenntnissen, dass aufgeblasene Sesambrötchen für Restaurantburger ab einem gewissen Durchmesser ungeeignet sind. Dafür kam der Pattie von allen Patties, die ich in Neubrandenburg gegessen habe, dem am nächsten, was ich unter einem guten Pattie verstehe. Und: Ja, auch den Burgerladen habe ich schon besucht.

Wer übrigens ein Gericht mit Pommes bestellt, wird sich ein wenig wundern. Diese Art der frittierten Kartoffelstäbchen habe ich noch nicht gesehen und ich finde sie gut. Es sind aber eher Pommes für Erwachsene. Neue Kartoffeln (mit ihrer dünnen Schale) kann man gut in Form belgischer Pommes (das sind die breiteren) schneiden und dann frittieren. Lecker. Nur der Ketchup schmeckte wie bei einem Systemhamburgerbrater. Da fehlte dann wieder die eigene Note (oder sollte die süß und glatt sein?). Etwas mehr Struktur täte der roten Ditschencreme gut. Wer aber bewusst Pommes bestellt, weil er den Kartoffelschalen bei den Rosmarin-Kartoffeln, den Wedgets oder den Country-Potatos aus dem Weg gehen will, kommt vom Regen in die Traufe.

Pinienkerne kommen grundsätzlich geschält und meist angeröstet auf den Teller. Über das Maß lässt sich sicher streiten, Wie viele davon auf einem kleinen Carpaccio zu liegen kommen, darüber kann man unterschiedlicher Meinung sein. Vor allem, wenn man sie nicht so mag, sind auch ein paar schon zu viel. Erfreulich war die nur dezente Rucolabeigabe, da haben wir schon ganz anderes erlebt. So wird bei dieser Vorspeise eher auf hohem Niveau gejammert, aber das kommt nur davon, dass ich der Nussbeigabe zu Essen eher ablehnend gegenüber stehe. Der Rest war lecker, was man von den Vorsuppen der anderen Esser nicht so behaupten kann. Wir lernen: Iss keine Soljanka in einem Haus, das auch ein Frühstücksbüfett veranstaltet. Immerhin schwamm keine Leberwurst mit drin rum. Pfifferlingsschredder in mehliger Suppe zählt auch nicht zu den wohlschmeckenden Gerichten.

Das Kontrastprogramm dazu lieferten dann die Dessert. Eigentlich sollte es ja nur noch ein Caffe sein, der kam auch prompt und war so, wie es sein musste. Ergänzt wurde der Genuss durch den Blick auf einen im Widerschein der bald untergehenden Sonne glitzernden Tollensesee und durch drei Nachtische, für die die Anatomie den „Dessertmagen“ erfunden hat: das ist der Magen im menschlichen Körper, der doch leer ist, wenn man eigentlich durch das vorherige Essen satt ist. Das Mangosorbet ist wirklich sehr zu empfehlen, aber auch die geweckte Rote Grütze und die anderen Dessert, teils nur vom Augenschein, sind lecker.

Wenn man – um den Eingangsgedanken nochmals aufzugreifen – die ehemalige Ausflugsgaststätte Nonnenhof als kleines Reiseziel der Neubrandenburger bezeichnet, ist es zugegeben etwas verwegen, als vergleichbare Einrichtung für die Klein Nemerower, Alt Rehsener, Meiershofer und Prillwitzer das „Badehaus“ zu bezeichnen. Es ist schon etwas mehr. Im großen und ganzen kann das Restaurant für den Genussfreund empfohlen werden, der auch mal den einen oder anderen kleinen Ausrutscher toleriert.

Ambitioniertes Mecklenburger Chaos

Vielleicht kennt ihr ja die Situation: Irgendwie geht alles schief, nichts ist so, wie es soll, und trotzdem kommt ganz zum Schluss was positives raus. So in etwa kann man ein kulinarisches Erlebnis bezeichnen, dass man in der Region vermutlich nicht so einfach noch einmal findet. Wenn man es schafft, des Deutschen Exaktheit und Herrlichkeit am offenen Eingangstor abzulegen, dann kann man Zunge, Gaumen und anderen Sinnen eine große Freude machen.

Wie möchte ich ein Mecklenburger Chaos definieren? Natürlich ist ihm das Durcheinander nicht abzusprechen, es ist aber nicht hektisch, eher behäbig zu nennen. Der Besitzer des Chaos regiert dann aber mit der Gelassenheit und inneren Stärke, die doch irgendwie typisch ist für den Landstrich südlich Neubrandenburgs.

Auf der Webseite des Restaurants ist 10 Uhr als Öffnungszeit angegeben, die halb zwölf erscheinenden Gäste lesen am Eingang, dass erst in einer halben Stunde offiziell gestartet wird. Die Tische und Stühle vor dem Haus sowie das Wetter laden aber doch zum Sitzen ein, wozu man als Erstbesucher mit ein wenig Naturverbundenheit gar nicht kommt. So fesseln zwei süße Lämmer, eine Vielzahl Gössel, Flugenten und eine Glucke, die sich auch der Gössel angenommen hat, sowie eine Hündin die Aufmerksamkeit. Aber nicht nur die Gäste sind hungrig, im Gegensatz zu den Lämmern geben sie das aber nicht durch lauthalses Schreien, sondern durch eine gesittete Bestellung Ausdruck. Schade, dass nicht alle Gerichte der Karte aufgrund Mangels an wesentlichen Zutaten verfügbar waren. Es fand aber jeder etwas.

Als besonderes Extra wurden die Gäste auch gleich noch in die Lämmerfütterung eingespannt, was die Wartezeit bis zum Essen vergnüglich verkürzte. Auch Susi – bereits erwähnte Hündin – hatte ihren Part in der Gästeunterhaltung und wich nicht vom Tisch, bis nicht der letzte Ball geworfen und der letzte Teller (ohne ihre Beteiligung, naja: fast ohne) leer gegessen war.

Apropos Essen. Der kleine, zum Essen gereicht Salat sah auf den ersten Blick mit Eisbergsalat, Tomate, Olive, Kräutern und einem Klecks Ziegenfrischkäse ein wenig 08/15 aus, die Vinaigrette riss es aber heraus, so dass man doch das mancherorts gereichte Brot vermisste, um auch noch die letzten Tropfen aufzutunken. Allen bestellten Gerichten gemeinsam war, dass sie des Mecklenburgers liebste Zutat anfangs etwas vermissen ließen, zumal die Beilagen Salzkartoffeln und Semmelknödel eigentlich danach förmlich schreien: Soße! Auch war der Semmelknödel laut Menü eigentlich gar nicht bestellt, und die “frischen gebratenen Pfifferlinge” sahen irgendwie wie Champignons aus.

Aber wir wollten das Nörglertum am Eingangstor abgeben (s. o.) und das Essen genießen, was auch gelang. Irgendwie fand sich auf den Tellern doch genug leckere Feuchtigkeit, den Knödel zu aromatisieren und die Salzkartoffeln zu veredeln. Fisch, Fleisch, Wurst und Gemüse gerieten zur beinahe unerwarteten Gaumenfreude, das einzig wirkliche Manko waren die nicht ganz garen Erdäpfel. So gingen, von den Wirtsleuten hoffentlich wohlbemerkt, die Teller leer wieder in die Küche zurück. Selbst die Fischköpfe waren nicht mehr drauf: Susis Anteil.

Das Forsthaus Strelitz mit seiner ungewöhnlichen Küche kann für einen kleinen Ausflug sicher empfohlen werden, es wird aber gegessen, was auf den Tisch kommt! Vielleicht lohnt ja auch eine Voranmeldung, dann wirkt der Hausherr beim ersten Gästekontakt nicht ganz so verschlafen. ;-)