Die zwei Welten des Genusses

Auf dem Gebiet des Genusses – der Begriff stimmt nicht ganz, aber ich lass ihn mal – fällt mir in der letzten Zeit wiederholt und verstärkt auf, dass es (wahrscheinlich von jedem Ding) zwei Seiten gibt. Vielleicht ja auch noch mehr, aber zwei auf jeden Fall. Wenn man es eng sieht, kann man die beiden Seiten sogar mit jeweils einer Überschrift systematisieren, fasst man das Thema etwas weiter, wird es schwieriger. Aber vermutlich gehts auch, wenn man sich tiefergehender damit befassen würde. Aber lassen wir das kryptifizieren, machen wir es konkret.

Cappuccino

Die eine Seite. Sicher ist der kleine Italiener ein Modegetränk und es darf auch vermutet werden, dass das, was uns in den Backshops und Imbissen als Cappuccino verkauft wird, mit dem Original relativ wenig zu tun hat. Wohltemperierter Milchschaum geht mit frischem, kunstgerecht gefertigtem Espresso eine Liaison an, die ihre Liebhaber hat und behalten wird.
Die andere Seite. Unter dem gleichem Namen wird eine Pulvermischung aus löslichem Kaffee, Milchpulver, Kakao, Aromen und Zucker in unterschiedlichen Gewichtsanteilen verkauft. Da gibt es sicher auch Mischungen, die mit heißem, nicht kochenden Wasser aufgeschüttet, durchaus ein wohlschmeckendes Getränk ergeben. Alle gemeinsam haben sie aber, dass sie mit dem Original absolut nichts zu tun haben.

Melone

Die eine Seite. Melone, hier hauptsächlich gemeint: Wassermelone, ist doch eine geniale Frucht. Dieses rote saftige Fruchtfleisch in der dunkelgrünen Hülle, am besten leicht gekühlt. Nur: Wer hat einen Kühlschrank, dass so eine amtliche Wassermelone da auch reinpasst? Die Kerne können manchmal etwas nerven, aber was soll’s?!
Die andere Seite. Vor einiger Zeit erwarb ich eine Flasche Sirup in der Geschmacksrichtung Wassermelone von einer bekannten Firma für derartige Sirupe. Punkt 1: Kein Sirup, den ich bisher zumindest in Augenschein genommen habe, ist mehr das, was ich mal gelernt habe, was man unter Sirup versteht. Das ist aber ein ganz eigenes, hier jetzt zu vertagendes Thema. Punkt 2: Der Wassermelonensirup, entsprechend verdünnt, hat geschmacklich mit dem Aroma einer Wassermelone nichts, absolut gar nichts zu tun. Aber trotzdem würde ihn jeder, der ihn kostet, als Wassermelone identifizieren, weil alles, was uns unter dem Namen Wassermelone als Gummitier, sonstige Süßware oder Speise aus industrieller Herstellung kredenzt wird, genau so schmeckt.

Yoghurt

Die eine Seite. Den Geschmack von Yoghurt muss man wohl nicht beschreiben: frisch, säuerlich, lecker. Und wenn man sich dann noch ein paar Aromaten, also Früchte oder anderes, hinzu gibt, umso besser. Auch die Verdünnung mit leicht gesalzenem Wasser (ich nehme auch gern noch eine Spur Pfeffer mit rein) ist eine erfrischende Anregung aus der osmanischen Küche.
Die zweite Seite. Da gbt es eine Reihe von Produkten, vom Schokoriegel („schmeckt so himmlisch yoghurtleicht“) über zwei mit einer Art Yoghurtcremé gefüllten Teigscheiben und Gummitiere mit Yoghurt, deren Geschmack wir wieder alle als Yoghurtgeschmack identifizieren würden, der mit dem Original auf Seite eins nichts, aber auch absolut gar nichts zu tun haben.

Cola

Die eine Seite. Nun ist Cola an sich auch schon ein Industrieprodukt, aber selbst hier gibt es Original und abgeklatschte Kopie.
Die andere Seite. Colagummitiere, Colaeis, Kirschcolasoße für Eis, Colasirupe, alle diese schmecken untereinander auch wieder gleich oder sehr ähnlich (unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Produkteigenheiten), aber allesamt nicht wie Original-Cola (oder das, was heute der Nachfolger des Originals ist).

Pizza

Die eine Seite. Ohje, jetzt wird die Luft dünn für mich. Zum einen ist es sicher schwierig, DIE Pizza zu definieren und damit auch ihre Eigenschaften festzulegen. An der Frage sind vermutlich schon Familien zerstritten auseinander gegangen. Zum anderen bin ich auch nicht so der große Pizza-Freund, demzufolge mit wenig eigener Erfahrung. Aber auch nicht ganz ohne. Und vermutlich streiten sich selbst im Lande der Pizza die Bäcker dieses Teigfladens darüber, wer die beste macht. Aber, wenn wir die Pizzen mit dem dicken Teigboden mal außen vor lassen und auch den Belag der Pizza freundlich ignorieren, kommen wir zum wesentlichen Punkt: Warum können wir in einer deutschen Standardküche sowieso keine Pizza normgerecht herstellen? Die Antwort lautet: 450°C und 60 Sekunden. Das sind nämlich die Backzeiten einer richtigen Pizza mit dünnem Boden. Es könnte auch noch heißer und schneller sein.
Die andere Seite. Ist natürlich jede Pizza, die zu Hause im heimischen Ofen bei 200 oder 250°C erwärmt wird. Der Belag über gebühr mitgegart, der Teig in einer indiskutablen Form. Und ganz besonders wird es dann noch, wenn ein bekannter, promovierter Pizzahersteller genau diesen Makel dann auch noch in der Werbung als Vorteil herausarbeitet: „… so dünn und knusprig, da verneigt sich sogar der Boden.“ So heißt es in der aktuellen Reklame. Ein knuspriger Boden, der labrig herunterhängt (vulgo für „verneigt“) … Sehe nur ich da einen Widerspruch?

Chili con carne, Soljanka, Sauce Hollandaise, Wiener Schnitzel, Königsberger Klopse und andere Standards

Die eine Seite. Wer selber kocht, der tut das entweder frei Schnauze, lehnt sich an bekannte Rezepte an oder bereitet die Speise komplett nach Rezept zu. Und wenn der Koch dann das Gericht mit einem vorhandenen Namen benennt, freut sich der Hörer und verbindet damit bestimmte Erwartungen, was ihn auf dem Teller erwartet. Enttäuschungen inklusive. Leider gibt es bei den Standardgerichten durchaus regionale Unterschiede, so dass da durchaus einige Fallen offen stehen. Pfannkuchen sind manchmal in Fett gebackene Hefebälle, manchmal aber auch flache, teigige Eierkuchen. Hier ist das Jägerschnitzel eine panierte, gebratene Jagdwurstscheibe, die mit Tomatensoße und Nudeln serviert wird, anderswo bekommt man unter dem Namen ein paniertes Schweineschnitzel mit Pilzsoße. Aber mit der zunehmenden kulinarischen Aufklärung gibt sich das.
Die andere Seite. Lehnt man eigene Gerichte an bekannte Standards an, bis zu welchem Punkt der Veränderung kann man das entstandene Gericht noch mit dem alten Namen versehen, ohne Irritationen hervorzurufen? Letztendlich sollte man die Essenz des Originals irgendwie noch wiedererkennen, oder den Namen entsprechend anpassen. Neulich las ich irgendwo ein Rezept, dass asiatisch angehaucht daherkam, aber irgendwie auch Hackfleischbällchen in einer weißen Soße garte. Fernöstlich angehauchte Königsberger Klopse wurde das dann benannt, akzeptabel, wie ich finde. Andererseits würde ich ein Gericht, dass aus angebratenen Geflügelfleischwürfeln besteht und mit Tomatensoße leicht scharf abgeschmeckt und mit Paprika und Bohnen ergänzt wird, nicht mehr als Chili con carne bezeichnen. Puristen bei diesem Standardgericht lassen ja weder Bohnen noch Mais noch andere Gemüse zu. Ob wir allerdings ein Gericht, dass im wesentlichen aus Trockenfleisch und Chilischoten (gern auch die etwas milderen) besteht, noch als Chili con carne identifizieren würden? Anderes Beispiel: Wenn ein Gericht im wesentlichen aus zwei Zutaten (plus einigen würzenden Zusätzen) besteht und man ersetzt die eine durch eine andere, kann man doch schon an der Namensgebung schrauben. Beim Wiener Schnitzel hat es doch auch geklappt. Das Ding ist standartisiert. Alles andere heißt Schnitzel Wiener Art. Wieso das aber bei der Sauce Hollandaise nicht klappt? Da wird die Butter als DER Hauptbestandteil durch etwas minderwertigeres ersetzt, das Endprodukt heißt aber immer noch Sauce Hollandaise. Ein Riesenbeschiss.

Wichtige Nachbemerkung: Es geht mir hier wirklich nur um die Benamsung. Ich möchte (bis auf die Teile, wo ich es explizit gemacht habe) mit diesen Äußerungen nicht sagen, dass die falsch bezeichneten Produkte schlecht sind. Es geht mit nur um die Unterschiede zwischen den Produkten, nicht darum, was besser und was schlechter ist.

Krawumm

Es gibt Getränkeflaschen, die sollte man fest verschlossen lassen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Einerseits gibt es die Exemplare, die eine ungenießbare Flüssigkeit enthalten, andererseits muss man manchmal aufpassen, dass der Inhalt nicht kräftig genug ist, um aus eigener Kraft das Gefäß, dass ihn bändigt, zu verlassen. Die Liste mit erstgenannter Eigenschaft ist dank diverser Aroma-Zucker-Wasser-Hefe-Gerste-Malz-Wein-Alkohol-Gedöns-Mischungen gefühlt unendlich lang. Für die Getränkeliste mit letztgenannter Qualität reicht ein kleiner Zettel.

Hält man die durchsichtige aber noch gefüllte Glasflasche gegen eine Lichtquelle und schaut hindurch, kann man die glutrot leuchtende Kraft erkennen, wenn man nicht gerade das Etikett in den Lichtweg gedreht hat. So undurchsichtig, wie das Getränk (dann von anderen Herstellern) manchmal scheint, ist es nicht. Das gilt übrigens auch für die Zutaten, die auf der Webseite aufgezählt und kommentiert sind. Natürlich wird auch hier das Geschmacksgeheimnis nicht verraten, aber immerhin heißt es auf der Seite, dass vorbildlich ausgewählt und zusammengestellt worden ist.

Technisch gesehen ist eine Cola ist eine Cola ist eine Cola. Wasser, Zucker, Kohlensäure, E150d, Phosphorsäure, Koffein und die Aromenmischung, die die jeweilige Sorte so einzigartig – oder auch nicht – macht. Auch der Energiegehalt liegt im getränketypischen Rahmen. Aber es ist eben die Frage, wie man diesen ausfüllt. Rübenzucker einer regionalen Genossenschaft, Wasser nach der Trinkwasserverordnung (was nicht normal ist), rückverfolgbare Zutaten usw., da kann man auch mal drauf achten.

Das drückt sich alles irgendwo auch im Geschmack aus. Kräftiger Colageschmack, der meinen lässt, die „sehr koffeinhaltige Limonade“ käme auch aus eigener Kraft aus der Flasche. Aus der sollte man die Premium-Cola vermutlich auch trinken; Gläser, Becher und andere Trinkgefäße könnten beim Umfüllen verbiegen. Wer sie trinkt, wird entfernt an die aktuelle Afri-Cola erinnert, nur kommt einem die nach dem Genuss einer kleinen Flasche Premium-Cola seltsam dünn vor.

Dass der Geschmack an Afri-Cola erinnert, liegt daran, dass die „Organisatoren“ der Premium-Cola „aus einer Fangemeinde des alten afri-Rezepts hervorgegangen“ sind, wie es auch auf der Zutatenseite heißt. Ob sie den Geschmack getroffen haben, kann ich mangels Kenntnis des Originals nicht einschätzen. Unter der Voraussetzung, dass sie es geschafft haben, müsste man allerdings sagen, dass das Getränk, was momentan unter dem Namen Afri-Cola verkauft wird, nur ein müder Abklatsch seiner selbst ist.

Wer sich selbst ein Bild machen will, wird es nicht einfach haben. Der Supermarkt oder Discounter um die Ecke führt keine Premium-Cola. Der gesamte Bereich östlich der A19 und nördlich Berlins ist vertriebsstellenfrei. In ganz M-V scheint es nur in Bargeshagen bei Rostock eine Bezugsmöglichkeit zu geben. Ich hatte meine Exemplare aus einem Internet-Shop.

Aus zwei macht keins

Man kann natürlich auch zwei Getränke miteinander kombinieren und es kommt etwas neues, feines, leckeres dabei heraus. Es gibt in der Tontechnik aber auch sogenannte Phasendreher, was bedeutet, dass sich – meist durch einen Fehler – bei einem Stereosignal die beiden Kanäle gegenseitig fast auslöschen. Dieser Vergleich ging mir durch den Kopf, als ich eine Mate-Cola aus einer bekannten Preiswertbrauerei probierte.

Der Zutaten-Check: Wasser, Zucker, Kohlensäure führen die Liste an. Mit Glukose-Fruktose-Sirup folgt dann eine Zutat, die unabhängig vom sonstigen Testergebnis einen erneuten Kauf ausschließt. Mit E 150d als Farbe, Phosphorsäure als Säuerungsmittel und natürlichem Aroma folgen alte Bekannte. Mate-Extrakt, Koffein, Kaffee-Extrakt und Tee-Extrakt machen die Aufzählung komplett.

Der Brennwert liegt mit 41 kcal/100 ml im für diese Getränke normalen Bereich. Gar nicht normal ist allerdings der Geschmack, der weder sinnvoll nach Mate noch nach Cola schmeckt. Da habe ich schon anderes getrunken. Andererseits passt es damit wunderbar ins Image der herstellenden Brauerei, von deren Bieren ein ähnliches Klischee zu herrschen scheint. So könnte man vom Corporate (Geschmacks-)Design reden. Allerdings verstehe ich bekannterweise von Bier gar nichts …

Den Senf dazu gegeben

Es geht doch nichts über Designs, die den Betrachter vor weitere Rätsel stellen. Auf einer Einkaufstour und mit meiner kleinen Colatestreihe im Hinterkopf finde ich eine kleine Dose, auf der relativ eindeutig die Worte „Cola“ und „Premium Quality“ stehen. Schnell wurde klar, dass das nicht die vielgerühmte Premium-Cola war, immerhin befand sich auch noch ein Wort vor der „Cola“, dass aber dank des Designs nicht eindeutig identifizierbar ist. Es könnte das englische „nature“ sein oder das eher deutsche „naturell“.

Der Vorteil von Dosenware ist, dass sie anders schmeckt als PET-Flaschen-Ware. Ein weiterer Pluspunkt der Dose liegt in ihrer Undurchsichtigkeit. So fällt erst beim Umfüllen in ein Glas auf, dass das Getränk einen eher „dünnen“ Eindruck macht. Das könnte u.a. daran liegen, dass lt. Zutatenliste der klassische Colafarbstoff E150d nicht enthalten ist. Wasser, Zucker und Kohlensäure sind aber als übliche Verdächtige mit dabei. Karamellzuckersirup, Zitronensaftkonzentrat, Koffein und natürliche Aromen (enthält Senfsamenöl) beschließen die Aufzählung der Ingredienzien.

Es kommt, wie es kommen musste: Obwohl die die Limonade nicht als solches gekennzeichnet ist, prägt sie doch ein deutlicher Citrusgeschmack. Das kann man mögen, gehört aber so deutlich nicht in eine „normale“ Cola, und sei sie auch noch so Premium. Andere werben ja sogar noch mit dem Citrus-Kick auf der Flasche. Zum Vorteil gereicht dem Getränk, dass es mit 37,3 kcal/100 ml den bisher geringsten Energiegehalt hat. Dafür gibt es einen extra Kick Koffein, ist der Wert im Vergleich zum Durchschnitt doch erhöht (32 mg/100 ml). Nun ja, der österreichische Hersteller stellt auch Energy-Drinks her, da kann schon mal was abfärben. 😉

Süßer Ossi

Es gibt sie wohl schon seit 1958, die Grundstoffe kommen nach wie vor aus Miltitz, mittlerweile einem Stadtteil von Leipzig. Abgefüllt wird sie in Schmalkalden. Dabei ist die heute zu besprechende Cola eher ein neuzeitliches Produkt. Verwirrung komplett? Na, dann wollen wir mal auflösen.

Das namensgebende Original gibt es seit 1958 und wurde in der DDR entwickelt. Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von parallelen Produkten aus dem gleichen Hause. Die Ursprungscola kann ich ja irgendwann mal auseinander nehmen, wenn ich bei den zusätzlich aromatisierten Koffeingetränken angekommen bin, hat sie doch ein ausgesprochenes Zitrusaroma. Aber es gibt sie mittlerweile auch ohne: Vita Cola Pur.

Die etikettierte Zusammensetzung entspricht den anderen üblichen Verdächtigen: natürliches Mineralwasser, Zucker, Kohlensäure, E150d, Phosphor- und Citronensäure, Koffein und natürliche Aromen. Entsprechend ist der für eine Cola typische Geschmack. Aber diese Cola hebt sich aus der breiten Masse doch etwas heraus: Es ist die süßeste der bisher getesteten Vertreter, was sich auch aus dem bisher höchsten Kaloriengehalt (46 kcal/100 ml – üblich sind 42 kcal/100 ml) ablesen lässt.

Wer also ein wenig auf seine Energiezufuhr achten will oder sollte, dem gilt hier eine kleine Vorsicht. Wobei die große Vorsicht ganz grundsätzlich gilt, aber das dürfte ja klar sein und für alle Colagetränke gelten. Zuckerfreie Sorten werde ich übrigens nicht besprechen. Die sind doch einfach nur eklig.