Zwischenruf nach Lektüre zahlreicher Foodblogs

Für Lebensmittel gibt es die Health Claim Verordnung für gesundheitsbezogene Angaben. Dadurch sind nur bestimmte Aussagen über Lebensmittel erlaubt, die ihren Nachweis unumstößlich bestätigt haben.

Manchmal wünschte ich mir sowas auch für Foodblogs. Was da nicht alles als „gesundes Essen“ oder „gesunde Ernährung“ deklariert wird, gehört dringend reguliert, zumal es gesundes Essen á priori nicht gibt.

Was da manchmal so alles verschwurbelt wird, läuft definitiv nicht mehr unter Meinungsfreiheit sondern unter Irreführung, plappert nur einem aktuellen Mainstream nach, ohne sich kritisch und möglichst umfassend darüber zu informieren.

Kocht lecker und gut, natürlich und industriefrei, aber versucht nicht, durch fadenscheinige Gesundheitsäußerungen, die keinen Nachweis erfahren haben, irgendwelche Mehrwerte anzureichern.

Solange die Ernährungswissenschaft eine eher statistische Wissenschaft ist (gefühlt 100% der Erkenntnisse basiert auf Studien, die irgendwas statistisch auswerten), kann ich sie nicht wirklich ernst nehmen. Sobald es eine biologische Wissenschaft wird, ändere ich gern meine Meinung.

Plan und Wirklichkeit (ergänzt)

Da wirste ja früh auch mal wach ohne das sonst so sinnvolle Koffein. Meine Idee war heute, sowieso etwas über Kaffee zu schreiben; das mache ich dann später oder nächstes Wochenende. Der heutige Wachmacher wird Ihnen präsentiert von expertentesten.de (absichtlich nicht verlinkt). Von denen bekam ich eine E-Mail, die mich auszeichnete. Irgendwas mit „Bester Foodblock“ und so. Es gibt übrigens 1236 beste Foodblogs in Deutschland … Sicher nicht alle, aber alle aktiven?

Nach den Geschehnissen auf einem anderen Foodblog in einem vergleichbaren Fall war ich natürlich ein wenig sensibilisiert. Aber so eine Klick&Link-Sammlung mache ich schon grundsätzlich nicht mit. Oder ich lass mir mal ein Siegel einfallen für den „Besten Suchmaschinenoptimierer in eigener Sache“  mit den Kategorien „Nervigkeit“, „Unprofessionalität“, „Schlechteste Nutzung der Serienbrieffunktion“ usw.

Mein heutiger Kreislaufanreger hat da sehr gute Chancen, ganz weit oben zu rangieren, spätestens in den letzten beiden Punkten. Diese E-Mail bekam ich heute Nacht:

E-Mail (Link fürt zu größem Bild)

Gleich die erste Zeile (und die Anrede natürlich auch) zeichnet den Absender in den beiden Kategorien aus. Das hätte der Praktikant bei mir im Büro besser hinbekommen. Und nicht nur das. Selbst auf der Webseite des Linkeinheimsers nur Blödsinn:

Webseiten-Ausschnitt (Link zum Vergrößern)

Dieses kleine Bildchen vorneweg ist definitiv nicht von meiner Webseite. So sah die nie aus. Sieht man sich übrigens die ganze Liste an, darf man doch erstaunt sein, wie viele Blogs sich untereinander ähneln. ;-)

Das gab eine gepfefferte Antwort:

Sehr geehrte Frau {{Nachname}},

bitte entfernen Sie sofort den Link zu meiner Webseite von der Ihrigen. Ich habe Sie weder darum gebeten noch haben Sie vorher nachgefragt. Außerdem werde ich Ihre durchsichtigen und unprofessionellen Machenschaften nicht unterstützen. Wenn ich mir allein die E-Mail, in dem die Serienbrieflücken nicht mal ausgefühlt sind und teilweise nur die Platzhalter enthalten, ansehe …
Am Montag werde ich prüfen, ob der Link auf meine Webseite noch in Ihrem Listing enthalten ist und je nach Ergebnis weitere Schritte einleiten.

Mit freundlichen Grüßen

Der Herdnerd

P.S.: Bei dem Namen – hätte ich nicht da unter D eingeordnet werden müssen?! Ich sach ja: unprofessionell.

Das {{Nachname}} steht natürlich nur hier in der Veröffentlichung. Genau wie auf den Bildern weiter oben habe ich ihren Nachnamen unkenntlich gemacht. Da hoff‘ mann, dass die Schreiberin der Zeilen als kleine Angestellte unter 3 Geschäftsführer/inne/n nicht wirklich für die Idee verantwortlich war.

Da bin ich ja mal gespannt, wie viele Foodblogs sich das Siegel ans Revers heften und den durchsichtigen und unprofessionellen Blödsinn des SEO-Fishings unterstützen. Sicher einige. Mal sehen, ob ich die dann bei mir auf der Seite „Andere Kochblogs“ dann ausliste. Redaktionelle Freiheit.

… … … …
(Zeit vergeht, dieser Beitrag und auch die beklagte Webseite sind noch offen und der Blick wandert hin und her.)

Bisher hatte ich ja nur auf die Liste geguckt, die die auf ihrer Seite veröffentlich haben, und dort auch nur den Bereich „H“. Aber der Eingangstext oben drüber ist ja noch schöner. Mal von kleinen orthografischen und grammatikalischen Fehlern abgesehen (macht ja jeder mal), ist der Inhalt an sich hochspannend. Unter der Überschrift „Inhaltliche Qualität“ (eines der Bewertungskriterien) steht unter anderem: „Stimmen die Fakten, sind die kommunizierten Inhalte auf einem sauberen sprachlichen Level, sitzt die Zeichensetzung?“ Da freue ich mich darüber, dass jemand mal die in meinem Blog verbreiteten Fakten geprüft hat. Vielleicht sollte ich genau unter diesem Aspekt das Siegel doch verwenden … Immerhin stimmen 9 von 10 meiner verbreiteten Fakten.

Scrollen wir dann weiter nach oben, lesen wir, dass nicht nur 1236 sondern „stolze 8652“ Blogs geprüft wurden. Eine recht umfassende Aufgabe, überall die Fakten zu prüfen. Das muss ja selbst bei einem zahlreichen Team längere Zeit gedauert haben. Allein ich habe bisher 756 Beiträge online (dies ist der 757.), die einzeln geprüft wurden. Andere haben mehr. Selbst, wenn so viel durch ein „70-köpfiges Team“ alles überprüft wurde und es sicher elektronische Unterstützung gab, eine Mammutaufgabe. Monate intensiver Tätigkeit. Oder? „Nach mehrstündiger Vergleichsarbeit haben wir … 8652 Blogs verglichen und evaluiert.“ Ups …

Prädikat: „Lächerlich.“ Ich mach erstmal Frühstück.

Ergänzung

Bei einem langweiligen Fernsehabend habe ich mir mal die Blogliste genauer angesehen. Bisher bin ich bis „G“ gekommen. Natürlich habe ich keine Strichliste geführt, aber gefühlt sind ein Fünftel der Blogs offline (nicht erreichbar, Domain zu verkaufen, Seite deaktiviert u.a.). Ein anderer, nicht unwesentlicher Teil, sind keine Food- u.a. Blogs. So findet sich selbst eine Seite wie facebook.com in der Liste. Außerdem gibt es Doppel- und Dreifach-Einträge von Blogs. Unprofessionell²².

Internes: Andere Kochblogs

Dem geneigten Lesenden wird schon aufgefallen sein, dass es hier auch eine Seite in diesem Angebot gibt, die relativ aktuell die Themen zahlreicher anderer Koch- und Foodblogs auflistetet. Natürlich habe ich hier nicht händisch die Links zusammengetragen und mühsam dort veröffentlicht. Es steckte ein bisschen Rechen- und Programmierpower dahinter. Dabei griff ich auf ein Tool zurück, dass leider seit seiner Veröffentlichung 2011 durch den Entwickler nicht mehr betreut wird. Das Tool zwang mich lange, auf einer alten PHP-Version zu verweilen, da sie unter PHP 7.x nicht mehr lief.

Das Problem ist jetzt gelöst. Meinen momentanen Urlaub nutzend habe ich mich rangesetzt und eine neue Lösung ausgeknobelt. Es basiert zwar auch wieder auf fremden Tools, aber die sind bisher von ihren Programmierern gepflegt. Nur die Datenaufbereitung musste ich völlig neu machen, aber ich glaube, es ist geglückt. Ich werde es die nächste Zeit beobachten. Und einen Vorteil hat die neue Variante auch. Während sonst nur zwei- oder dreimal in der Woche die Seite aktualisiert wurde, passiert das nun im Schnitt mindestens einmal am Tag.

Wer also einen schnellen Überblick möchte, was auf anderen Koch- und Foodblogs so los ist, schaue auf diese Seite. Und für die Anbieter solcher Webseiten, die noch nicht mit dabei sind: einfach die Infos zum Blog (Link, Name, Feed) direkt an mich: dirknb@herdnerd.de

Quatsch mit (Tomaten-)Soße

Mir würden vermutlich auf Anhieb einige Stellen einfallen, wo man ständig oder zeitweise Nudeln mit „Original DDR-Tomatensoße“ meist auch noch mit Wurst, angepriesen wird, sei es in der Dose, im Becher, auf dem Teller oder was sich sonst noch als Essensunterlage eignet. Offensichtlich gibt es noch genug Ostalgie-Kultur, dass derartige Bezeichnungen Kunden anziehen.

Punkt 1: Ich möchte mich hier nicht über die Qualität der entsprechenden Produkte auslassen. Aus eigener und mir mitgeteilter Fremderfahrung weiß ich, dass man diese Gerichte fachgerecht und aromatisch ansprechend herstellen und mit Genuss verspeisen kann. Darum soll es also hier nicht gehen.

Punkt 2: Egal, welches Produkt man jetzt als Referenz nimmt, für alle gilt eine Aussage: Diese Soßen haben nichts, aber auch gar nichts mit der echten DDR-Tomatensoße gemeinsam. Nicht den Geschmack und nicht die Zutaten.

Wie komme ich darauf? Der Beantwortung dieser Frage kann man sich aus verschiedensten Richtungen nähern. Grundsätzlich oder über Details. Zugegeben sind alles nur Indizien, aber als solche sind sie stark. Und es ist natürlich Wortklauberei dabei. Das Prinzip ist ganz einfach und logisch; und es gilt prinzipell in vielen Aussagen auch für sogenannte DDR-Brötchen, die eine Weile einige Bäcker im Sortiment hatten. Gibts die eigentlich noch?

Die „Original-DDR-Tomatensoße“ kann es einfach nicht geben, weil es die schon zu DDR-Zeiten nicht gegeben hat. Die Küche meiner Schule bot das Gericht – meist in Kombination mit einem „Jägerschnitzel“ (Ost, d.h. panierte Jagdwurst, gebraten) an. Die Soße gab es im Laufe der Zeit in mehreren Varianten. Und wenn man in den Sommerferien mal im Urlaub war, egal ob bspw. im Osterzgebirge oder in Klink, gab es dort auch ab und an das Gericht und es war wieder anders. Ganz zu schweigen von den Versionen der Mensa meiner Uni. Das Gericht hatte also einen gewissen „Soljanka-Effekt“, jeder kochte es anders.

Nebenbei: Wenn man heute die „DDR-Tomatensoße“ unterschiedlicher Anbieter miteinander vergleicht, können die Unterschiede auch nicht größer sein. Einheitlichkeit ist definitiv etwas anderes.

Jetzt wird’s hypothetisch. Nehmen wir mal an, es gäbe das „sagenhafte“ Rezept der „DDR-Tomatensoße“ wirklich. Die originalen Zutaten gibt es nicht mehr. Das für die Mehlschwitze benutzte Mehl ist heute anders, weil die Mühlen ganz anders arbeiten, die Aromastoffe, das Tomatenpulver … – alles wird aus anderen Rohstoffen hergestellt wie seinerzeit.

Also lasst Euch keine Flöhe ins Ohr oder worein auch immer setzen. Die DDR-Tomatensoße ist tot. Irgendwann in den 1970er oder 1980er Jahren ist sie von uns gegangen. Das DDR-Label ist ein Marketing-Gag, echte Bedeutung hat es nicht. Aber so geht es ja vielen Labeln. Sucht doch mal in der Suchmaschine Euer Wahl nach DDR-Tomatensoße. Die 10 Links auf der ersten Seite meiner Suchergebnisse führten zu 10 nicht nur im Detail unterschiedlichen Rezepten. Soweit zum „Original“.

Immerhin kann man aber eine Essenz aus den Recherchen ziehen. Hinzu kommt eine Fußnote aus dem Buch von Lothar Kusche „Wie man einen Haushalt aushält“ (Eulenspiegel-Verlag, 2. Auflage 1971): „Moderne, aufgeschlossene Menschen bevorzugen die doppelt fermentierte Rotkunst-Tomatenpulver-Tunke, die ohne jeglichen Zusatz der veralteten Natur-Tomate, statt dessen aber mit dem zahnfleischschonenden Wirkstoff Stippodent hergestellt wird.“ Der Artikel, dem diese Fußnote übrigens entstammt, heißt „Nudelessen im wissenschaftlichen Zeitalter“ und ist nach wie vor sehr lesenswert. Wie das ganze Buch auch. #wiederentdeckt

Ach ja, die Essenz: Man produziere aus Wasser sowie Tomatenmark und -ketchup eine dünne Tomatensoße, die man mit Mehl(schwitze) andickt. Die Mischung von Mark und Ketchup ist flexibel. Andere Gewürze sind variabel.

Die zwei Welten des Genusses

Auf dem Gebiet des Genusses – der Begriff stimmt nicht ganz, aber ich lass ihn mal – fällt mir in der letzten Zeit wiederholt und verstärkt auf, dass es (wahrscheinlich von jedem Ding) zwei Seiten gibt. Vielleicht ja auch noch mehr, aber zwei auf jeden Fall. Wenn man es eng sieht, kann man die beiden Seiten sogar mit jeweils einer Überschrift systematisieren, fasst man das Thema etwas weiter, wird es schwieriger. Aber vermutlich gehts auch, wenn man sich tiefergehender damit befassen würde. Aber lassen wir das kryptifizieren, machen wir es konkret.

Cappuccino

Die eine Seite. Sicher ist der kleine Italiener ein Modegetränk und es darf auch vermutet werden, dass das, was uns in den Backshops und Imbissen als Cappuccino verkauft wird, mit dem Original relativ wenig zu tun hat. Wohltemperierter Milchschaum geht mit frischem, kunstgerecht gefertigtem Espresso eine Liaison an, die ihre Liebhaber hat und behalten wird.
Die andere Seite. Unter dem gleichem Namen wird eine Pulvermischung aus löslichem Kaffee, Milchpulver, Kakao, Aromen und Zucker in unterschiedlichen Gewichtsanteilen verkauft. Da gibt es sicher auch Mischungen, die mit heißem, nicht kochenden Wasser aufgeschüttet, durchaus ein wohlschmeckendes Getränk ergeben. Alle gemeinsam haben sie aber, dass sie mit dem Original absolut nichts zu tun haben.

Melone

Die eine Seite. Melone, hier hauptsächlich gemeint: Wassermelone, ist doch eine geniale Frucht. Dieses rote saftige Fruchtfleisch in der dunkelgrünen Hülle, am besten leicht gekühlt. Nur: Wer hat einen Kühlschrank, dass so eine amtliche Wassermelone da auch reinpasst? Die Kerne können manchmal etwas nerven, aber was soll’s?!
Die andere Seite. Vor einiger Zeit erwarb ich eine Flasche Sirup in der Geschmacksrichtung Wassermelone von einer bekannten Firma für derartige Sirupe. Punkt 1: Kein Sirup, den ich bisher zumindest in Augenschein genommen habe, ist mehr das, was ich mal gelernt habe, was man unter Sirup versteht. Das ist aber ein ganz eigenes, hier jetzt zu vertagendes Thema. Punkt 2: Der Wassermelonensirup, entsprechend verdünnt, hat geschmacklich mit dem Aroma einer Wassermelone nichts, absolut gar nichts zu tun. Aber trotzdem würde ihn jeder, der ihn kostet, als Wassermelone identifizieren, weil alles, was uns unter dem Namen Wassermelone als Gummitier, sonstige Süßware oder Speise aus industrieller Herstellung kredenzt wird, genau so schmeckt.

Yoghurt

Die eine Seite. Den Geschmack von Yoghurt muss man wohl nicht beschreiben: frisch, säuerlich, lecker. Und wenn man sich dann noch ein paar Aromaten, also Früchte oder anderes, hinzu gibt, umso besser. Auch die Verdünnung mit leicht gesalzenem Wasser (ich nehme auch gern noch eine Spur Pfeffer mit rein) ist eine erfrischende Anregung aus der osmanischen Küche.
Die zweite Seite. Da gbt es eine Reihe von Produkten, vom Schokoriegel („schmeckt so himmlisch yoghurtleicht“) über zwei mit einer Art Yoghurtcremé gefüllten Teigscheiben und Gummitiere mit Yoghurt, deren Geschmack wir wieder alle als Yoghurtgeschmack identifizieren würden, der mit dem Original auf Seite eins nichts, aber auch absolut gar nichts zu tun haben.

Cola

Die eine Seite. Nun ist Cola an sich auch schon ein Industrieprodukt, aber selbst hier gibt es Original und abgeklatschte Kopie.
Die andere Seite. Colagummitiere, Colaeis, Kirschcolasoße für Eis, Colasirupe, alle diese schmecken untereinander auch wieder gleich oder sehr ähnlich (unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Produkteigenheiten), aber allesamt nicht wie Original-Cola (oder das, was heute der Nachfolger des Originals ist).

Pizza

Die eine Seite. Ohje, jetzt wird die Luft dünn für mich. Zum einen ist es sicher schwierig, DIE Pizza zu definieren und damit auch ihre Eigenschaften festzulegen. An der Frage sind vermutlich schon Familien zerstritten auseinander gegangen. Zum anderen bin ich auch nicht so der große Pizza-Freund, demzufolge mit wenig eigener Erfahrung. Aber auch nicht ganz ohne. Und vermutlich streiten sich selbst im Lande der Pizza die Bäcker dieses Teigfladens darüber, wer die beste macht. Aber, wenn wir die Pizzen mit dem dicken Teigboden mal außen vor lassen und auch den Belag der Pizza freundlich ignorieren, kommen wir zum wesentlichen Punkt: Warum können wir in einer deutschen Standardküche sowieso keine Pizza normgerecht herstellen? Die Antwort lautet: 450°C und 60 Sekunden. Das sind nämlich die Backzeiten einer richtigen Pizza mit dünnem Boden. Es könnte auch noch heißer und schneller sein.
Die andere Seite. Ist natürlich jede Pizza, die zu Hause im heimischen Ofen bei 200 oder 250°C erwärmt wird. Der Belag über gebühr mitgegart, der Teig in einer indiskutablen Form. Und ganz besonders wird es dann noch, wenn ein bekannter, promovierter Pizzahersteller genau diesen Makel dann auch noch in der Werbung als Vorteil herausarbeitet: „… so dünn und knusprig, da verneigt sich sogar der Boden.“ So heißt es in der aktuellen Reklame. Ein knuspriger Boden, der labrig herunterhängt (vulgo für „verneigt“) … Sehe nur ich da einen Widerspruch?

Chili con carne, Soljanka, Sauce Hollandaise, Wiener Schnitzel, Königsberger Klopse und andere Standards

Die eine Seite. Wer selber kocht, der tut das entweder frei Schnauze, lehnt sich an bekannte Rezepte an oder bereitet die Speise komplett nach Rezept zu. Und wenn der Koch dann das Gericht mit einem vorhandenen Namen benennt, freut sich der Hörer und verbindet damit bestimmte Erwartungen, was ihn auf dem Teller erwartet. Enttäuschungen inklusive. Leider gibt es bei den Standardgerichten durchaus regionale Unterschiede, so dass da durchaus einige Fallen offen stehen. Pfannkuchen sind manchmal in Fett gebackene Hefebälle, manchmal aber auch flache, teigige Eierkuchen. Hier ist das Jägerschnitzel eine panierte, gebratene Jagdwurstscheibe, die mit Tomatensoße und Nudeln serviert wird, anderswo bekommt man unter dem Namen ein paniertes Schweineschnitzel mit Pilzsoße. Aber mit der zunehmenden kulinarischen Aufklärung gibt sich das.
Die andere Seite. Lehnt man eigene Gerichte an bekannte Standards an, bis zu welchem Punkt der Veränderung kann man das entstandene Gericht noch mit dem alten Namen versehen, ohne Irritationen hervorzurufen? Letztendlich sollte man die Essenz des Originals irgendwie noch wiedererkennen, oder den Namen entsprechend anpassen. Neulich las ich irgendwo ein Rezept, dass asiatisch angehaucht daherkam, aber irgendwie auch Hackfleischbällchen in einer weißen Soße garte. Fernöstlich angehauchte Königsberger Klopse wurde das dann benannt, akzeptabel, wie ich finde. Andererseits würde ich ein Gericht, dass aus angebratenen Geflügelfleischwürfeln besteht und mit Tomatensoße leicht scharf abgeschmeckt und mit Paprika und Bohnen ergänzt wird, nicht mehr als Chili con carne bezeichnen. Puristen bei diesem Standardgericht lassen ja weder Bohnen noch Mais noch andere Gemüse zu. Ob wir allerdings ein Gericht, dass im wesentlichen aus Trockenfleisch und Chilischoten (gern auch die etwas milderen) besteht, noch als Chili con carne identifizieren würden? Anderes Beispiel: Wenn ein Gericht im wesentlichen aus zwei Zutaten (plus einigen würzenden Zusätzen) besteht und man ersetzt die eine durch eine andere, kann man doch schon an der Namensgebung schrauben. Beim Wiener Schnitzel hat es doch auch geklappt. Das Ding ist standartisiert. Alles andere heißt Schnitzel Wiener Art. Wieso das aber bei der Sauce Hollandaise nicht klappt? Da wird die Butter als DER Hauptbestandteil durch etwas minderwertigeres ersetzt, das Endprodukt heißt aber immer noch Sauce Hollandaise. Ein Riesenbeschiss.

Wichtige Nachbemerkung: Es geht mir hier wirklich nur um die Benamsung. Ich möchte (bis auf die Teile, wo ich es explizit gemacht habe) mit diesen Äußerungen nicht sagen, dass die falsch bezeichneten Produkte schlecht sind. Es geht mit nur um die Unterschiede zwischen den Produkten, nicht darum, was besser und was schlechter ist.