Nacken, dicker Hals, Seele und Augen

Langsam fühle ich mich immer öfter an die DDR erinnert. Nicht nur, dass es einige Produkte, die es eigentlich immer gibt, ab und zu auch mal nicht gibt, was immer öfter vorkommt. Auch leere Regale scheinen sich weiter auszubreiten. Wobei man das seinerzeit bedeutend besser kaschierte, indem das, was da war, einfach gleichmäßiger über die freien Flächen verteilt wurde. Da können die heutigen Regal-Einräumenden noch was von lernen.

Leere Regale im LEHKein Einzelfall, aber ein sehr drastisches, dass mir dann doch mal das Handy zum Fotomachen aus der Tasche zog. Und an dem Tag war noch keine Hitzewelle.

Apropos Getränke. Als ich dem folgenden erstansichtig wurde, dachte ich noch, dass da was falsch etikettiert war, was meine Aufmerksamkeit erregte. Also guckte ich mir das mal genauer an:

Schwarze FantaCola mit einem Fanta-Etikett? Kann das stimmen? Natürlich war mein erster Eindruck falsch, und in der Flasche befand sich gar keine Cola.

Schwarze FantaWenn man genau hinguckt, ist der Inhalt auch nicht colaschwarz, sondern leicht rötlich.

Schwarze FantaWobei: Die Farbe, die hier im Glas zu sehen ist (zumindest auf dem Bild), bekomme ich auch mit Cola hin. Also, wie gesagt, es war etwas rötlich. Interessant schien es zu sein, geschmacklich gings. Es ist schon erstaunlich, was man mit Aromastoffen so alles hinbekommt mittlerweile. Von den geschmacksgebenden Früchten war nix enthalten (steht ja auch „Geschmack“ auf dem Etikett, was immer bedeutet, dass nur Aromastoffe drin sind). An Früchten waren drin (als Konzentrate) Zitronensaft, Karotte und Schwarze Johannisbeere. Letztere beide für die Farbe, ansonsten zahlenmäßig viel Kram und eine Kombination aus Zucker und Süßstoffen. Auf diese Kombination werden wir uns künftig – Zuckersteuer sei dank – einstellen müssen.

Naja, wobei mich das – bezogen auf dieses Produkt bzw. die Marke – nicht weiter anficht. Da ich seit Jahren nur schorlefizierte Limos trinke, muss ich da ein wenig auf Qualität achten. Mit den Limos der Marke funktioniert das nicht und ich habe sie deshalb sowieso nicht im Portfolio. Sollten die von mir bevorzugten Limos auch diesen Weg einschlagen, wird eben nur noch Direktsaft oder Fruchtsaft verschorlt. Mache ich jetzt der Abwechslung wegen auch schon.

Samstagfrüh

Etwas über die Hälfte eines Jahres gibt es bei uns in der Stadt alle 2 Wochen sonnabends einen „Grünmarkt“. Anbieter aus der Region mischen sich da mit den Anbietern, die auch zu den normalen Markttagen da rumstehen zu einer interessanten Mischung. Falls ich Samstag mal früh aus dem Bett falle, schaue ich gern vorbei, ein paar Händler und ihre Produkte sind durchaus interessant. Diesmal entdeckte ich einen vorher noch nicht gesehenen Bäcker, der in sehr rustikalem Ambiente seine Backwaren verkaufte. Da fand ich etwas, was ich lange nicht mehr hatte und konnte damit auch auf dem Heimweg den alten Goethe (leicht verballhornt) zitieren: „Zwei Seelen wohnen, ach! in meinem Beutel …“.

Zwei Seelen (Krümmel, Kreuzkümmel)Dieses stangenförmige Backwerk habe ich vor vielen Jahren mal in einem Berliner Restaurant kennengelernt. Der Chef im Haus kam wohl aus der Gegend, wo man sowas häufiger isst. Je eine mit Kreuzkümmel (unten) und Kümmel (oben) nahm ich mit nach Hause und habe es nicht bereut. Ein Grund mehr, samstags ab und zu mal früher aus dem Bett zu fallen. Samstagabend zitierte ich dann eher aus dem Gebiet der Filmkunst: „Dirk essen Seele auf“. Schöne Grüße an Herrn F.

Sonntagmittag

Die Zutaten für das Sonntagsessen kamen aber dann doch nicht vom Grünmarkt. Den samstagvormittäglichen Heimweg nutzte ich aber, um mal wieder bei meinem Lieblingsfleischer vorbeizuschauen. „Und ich sah, dass es gut war.“ Okayyyy, genug zitiert. 😉

Nackensteak (mariniert), Spitzkohl, KartoffelstampfDas Wetter am Sonntag legte Grillen nahe, und so gab es das marinierte Nackensteak vom Lieblingsfleischer entsprechend zubereitet. Spitzkohl wurde gehobelt und in einer Pfanne in Anwesenheit von angeschwitzten Schalotten- und Knoblauchfragmenten sowie etwas Salz, Pfeffer, Kümmel und Chili sowie einem kleinen Schuss Wasser gut bedeckelt gegart.

Nackensteak (mariniert), Spitzkohl, KartoffelstampfHatte ich das eigentlich schon mal erwähnt? Ich mag Kartoffelbrei ganz gern. 😉 Dieser kam wieder mit der Mikrowellen-Methode zustande und hat als weitere Zugaben nur Butter und Petersilie. Und nein: Ich habe nichts an Zutaten vergessen. Beim ersten Happen wunderte ich mich doch ein wenig über den Geschmack des Kartoffelbreis … Nicht schlecht, aber ungewohnt. Aber was will man schon von einem Püree „frei von“ erwarten. In dem Falle frei von Salz, Pfeffer, Muskat …

Nackensteak (mariniert), Spitzkohl, KartoffelstampfDas Nackensteak kam fertig mariniert vom Lieblingsfleischer. Mit seinen Fleischstücken kann man das machen, bei den überall einlaminiert zu kaufenden wäre ich skeptisch bei einigen Aspekten (Herkunft, Zutaten, …). Aber wer selbst das Futtermittel für die Tieraufzucht für seine Produkte herstellt, dem gehört mein Vertrauen. Das schöne Grillmuster kommt übrigens „nur“ von meiner Grillpfanne. Nicht, das seiner denkt, ich hätte wirklich gegrillt. Es gab auch kaum Bratschwund und das Stück war hinterher perfekt zubereitet, was ich nur zum Teil mir auf die Fahne schreibe. Das gute Ausgangsprodukt hat schon ordentlich geholfen.

P.S.: Montagabend

Aus den beliebten Reihen „Brot belegen kann jeder“ und „mit Käse überbacken ist’s besser“ in Verbindung mit einer Resteverwertung (es war noch einiges vom Spitzkohlgemüse vorhanden) gab es Montagabend einen „Auflauf“.

Auflauf mit Brot, Zwiebelmett, Spitzkohl, Bergkäse (v.u.n.o)In eine mit Olivenöl benetzte Auflaufform kam als Boden eine Schicht Brot, das ich am Samstag auf dem Grünmarkt erworben hatte. Darüber verteilte ich möglichst dünn und flächig etwas Zwiebelmett, dem ich dann den Spitzkohl draufhalf. Ganz oben krönte Bergkäse die Schale, die dann für eine halbe Stunde in den Umluftofen kam. Ober-/Unterhitze wäre die bessere Idee gewesen, vermutlich.

Auflauf mit Brot, Zwiebelmett, Spitzkohl, Bergkäse (v.u.n.o)Der Käse bräunte zwar schön, und innen blubberte es auch ein wenig, aber ich hatte auch ein wenig auf Brotröstung gehofft. Da wurde nix, vielleicht war das Kraut aber auch nur zu saftig. Ansonsten wurde der Auflauf richtig gut. So ganz ohne freie Flüssigkeit, aber trotzdem saftig, hatte ich sowas bisher nicht hinbekommen.

Auflauf mit Brot, Zwiebelmett, Spitzkohl, Bergkäse (v.u.n.o)Es lies sich auch gut teilen  und kam ohne größeren Widerstand aus der Form. Die Kombination der Zutaten ist  sicher überdenkenswert. Aber nach dem „Rumfort“-Prinzip war’s doch ganz gut.

Zwei Nachträge

Ich bin ja nicht nachtragend, aber das merk‘ ich mir.

Achja, wer kennt solche Sprüche nicht?! In konkreten sind es aber zwei Essensbilder, die noch fehlen.
Nachdem ich gestern die letzte Roulade aus der Kochsession vom vergangenen Wochenende verzehrte, fiel mir ein, dass ich das versprochene Bild vom Montag Mittag noch gar nicht verposted hatte, das sei hiermit nachgereicht:
Roulade mit Rosenkohl und SalzkartoffelnUnd heute Mittag gab es dann die gestern erstellte Soße in Kombination mit Hörnchennudeln.
DDR-Tomatensoße deluxe
Damit wäre das dann auch abgearbeitet. War beides übrigens sehr lecker.

Quatsch mit (Tomaten-)Soße

Mir würden vermutlich auf Anhieb einige Stellen einfallen, wo man ständig oder zeitweise Nudeln mit „Original DDR-Tomatensoße“ meist auch noch mit Wurst, angepriesen wird, sei es in der Dose, im Becher, auf dem Teller oder was sich sonst noch als Essensunterlage eignet. Offensichtlich gibt es noch genug Ostalgie-Kultur, dass derartige Bezeichnungen Kunden anziehen.
Punkt 1: Ich möchte mich hier nicht über die Qualität der entsprechenden Produkte auslassen. Aus eigener und mir mitgeteilter Fremderfahrung weiß ich, dass man diese Gerichte fachgerecht und aromatisch ansprechend herstellen und mit Genuss verspeisen kann. Darum soll es also hier nicht gehen.
Punkt 2: Egal, welches Produkt man jetzt als Referenz nimmt, für alle gilt eine Aussage: Diese Soßen haben nichts, aber auch gar nichts mit der echten DDR-Tomatensoße gemeinsam. Nicht den Geschmack und nicht die Zutaten.
Wie komme ich darauf? Der Beantwortung dieser Frage kann man sich aus verschiedensten Richtungen nähern. Grundsätzlich oder über Details. Zugegeben sind alles nur Indizien, aber als solche sind sie stark. Und es ist natürlich Wortklauberei dabei. Das Prinzip ist ganz einfach und logisch; und es gilt prinzipell in vielen Aussagen auch für sogenannte DDR-Brötchen, die eine Weile einige Bäcker im Sortiment hatten. Gibts die eigentlich noch?
Die „Original-DDR-Tomatensoße“ kann es einfach nicht geben, weil es die schon zu DDR-Zeiten nicht gegeben hat. Die Küche meiner Schule bot das Gericht – meist in Kombination mit einem „Jägerschnitzel“ (Ost, d.h. panierte Jagdwurst, gebraten) an. Die Soße gab es im Laufe der Zeit in mehreren Varianten. Und wenn man in den Sommerferien mal im Urlaub war, egal ob bspw. im Osterzgebirge oder in Klink, gab es dort auch ab und an das Gericht und es war wieder anders. Ganz zu schweigen von den Versionen der Mensa meiner Uni. Das Gericht hatte also einen gewissen „Soljanka-Effekt“, jeder kochte es anders.
Nebenbei: Wenn man heute die „DDR-Tomatensoße“ unterschiedlicher Anbieter miteinander vergleicht, können die Unterschiede auch nicht größer sein. Einheitlichkeit ist definitiv etwas anderes.
Jetzt wird’s hypothetisch. Nehmen wir mal an, es gäbe das „sagenhafte“ Rezept der „DDR-Tomatensoße“ wirklich. Die originalen Zutaten gibt es nicht mehr. Das für die Mehlschwitze benutzte Mehl ist heute anders, weil die Mühlen ganz anders arbeiten, die Aromastoffe, das Tomatenpulver … – alles wird aus anderen Rohstoffen hergestellt wie seinerzeit.
Also lasst Euch keine Flöhe ins Ohr oder worein auch immer setzen. Die DDR-Tomatensoße ist tot. Irgendwann in den 1970er oder 1980er Jahren ist sie von uns gegangen. Das DDR-Label ist ein Marketing-Gag, echte Bedeutung hat es nicht. Aber so geht es ja vielen Labeln. Sucht doch mal in der Suchmaschine Euer Wahl nach DDR-Tomatensoße. Die 10 Links auf der ersten Seite meiner Suchergebnisse führten zu 10 nicht nur im Detail unterschiedlichen Rezepten. Soweit zum „Original“.
Immerhin kann man aber eine Essenz aus den Recherchen ziehen. Hinzu kommt eine Fußnote aus dem Buch von Lothar Kusche „Wie man einen Haushalt aushält“ (Eulenspiegel-Verlag, 2. Auflage 1971): „Moderne, aufgeschlossene Menschen bevorzugen die doppelt fermentierte Rotkunst-Tomatenpulver-Tunke, die ohne jeglichen Zusatz der veralteten Natur-Tomate, statt dessen aber mit dem zahnfleischschonenden Wirkstoff Stippodent hergestellt wird.“ Der Artikel, dem diese Fußnote übrigens entstammt, heißt „Nudelessen im wissenschaftlichen Zeitalter“ und ist nach wie vor sehr lesenswert. Wie das ganze Buch auch. #wiederentdeckt
Ach ja, die Essenz: Man produziere aus Wasser sowie Tomatenmark und -ketchup eine dünne Tomatensoße, die man mit Mehl(schwitze) andickt. Die Mischung von Mark und Ketchup ist flexibel. Andere Gewürze sind variabel.