Wenn der Blick aus dem Küchenfenster Richtung Osten geht

Es ist wirklich ein Zufall, dass sich die Gemeinsamkeit zwischen dem Thema der Vorbemerkung und das Sonntagsgericht der osteuropäischen Küche entlehnen. Die Sonntagsidee kam als Anregung aus dem Fernsehen, mein Rezept ist also eher prinzipiell nachempfunden als „original“, wobei es sowieso kein eindeutiges Originalrezept gibt, egal, was andere schreiben/sagen. Und mein Küchenfenster geht wirklich Richtung Osten raus … 😉 

Was mir aber aufgefallen ist (ganz empirisch): Es scheint eine gewisse Abstinenz von Cuttern in der osteuropäischen Brühwurstherstellung zu geben. Klassisch ist die hier im Blog schon behandelte Aufschnitt-Krakauer zu nennen, die im Inneren mit einer großen Stückigkeit positiv auffällt. Neulich ist mir nun ein Pärchen „Brühwürste nach mährischer Art, geräuchert“ in den Einkaufswagen gefallen, deren Abbildung ich leider verpasst habe. Der beiden waren sowohl kalt als auch warm ein Genuss und zeichneten sich durch eine schöne Grobheit im inneren aus. Form und Größe erinnerten an übergroße Bockwürste, vor allem in der Länge (ca. 20 cm), ein wenig auch im Durchmesser. Die Form wirkte wie aus Handarbeit, eine gewisse Uniformität, sonst Würsten gern zueigen, war wenig ausgeprägt. Mal sehen, ob ich das Produkt nochmal entdecke, es steht aber zu befürchten, dass es Aktionswaren war.

Sonntagmittag

Es ist doch ein kurz irritierendes Gefühl, wenn man ein Gericht vor hat zu kochen, dass – zumindest in der eigenen Vorstellung – einer Zutat bedarf, die bei der Sichtung der Vorräte nicht im Hause ist. Und die man so einfach am Sonntag auch nicht beschaffen kann. In meinem Fall geht es um Tomatenmark, dass ich offensichtlich beim Gulasch von neulich aufgebraucht hatte. Nungut, kam es auf die Einlaufsliste, gleich gefolgt Dosentomaten, die ich stattdessen bemühte, weil (noch) vorrätig. Jetzt nicht mehr. Aber ich greife vor.

Wie viele gute Schmorgerichte mit Soße fängt alles mit dem Anschmoren von Zwiebeln an. So auch hier. Zuvor noch die kleine Fettorgie:

Butter in Öl schmelzenIn etwas Rapsöl habe ich etwas Butter geschmolzen. Das gelang, weil unter der tiefen Pfanne eine Wärmequelle versteckt war. Dann kamen die Zwiebeln dazu.

Zwiebeln anschmorenDies geschah in Form von drei gespaltenen Gemüsezwiebeln. Die wurden etwas angeschmort, bis sie dezent weich und glasig wurden. Dann wurde alles „papriziert“.

Mit Paprika würzenDas sind übrigens 3 verschiedene Paprikapulver. Edelsüß, rosenscharf und geräuchert. Da möge jeder nehmen, was ihm behagt. Hier käme zum Anrösten auch noch das Tomatenmark dazu … Also kam hier nach dem Einrühren des Paprikapulvers die Dose Tomaten dazu.

Dosentomaten zugebenNebenbei habe ich Gemüse geschnibbelt. 5 Tomaten in relativ kleine Stücke. Ich habe sie nicht gepellt, deswegen die kleineren Stücke.

Tomaten zugebenDer Trick beim zerschneiden von Tomaten, um keine Schweinerei auf dem Schneidbrett zu erzeugen, ist übrigens Schneiden ohne Drücken. Nur mal so. Gilt auch für andere Schneidarbeiten. Weniger drücken, mehr schneiden. 

Drei Paprika in Streifen geschnitten kamen auch noch mit dazu. 

Paprikastreifen dazugebenAlles wurde eingerührt, mit Salz und Pfeffer gewürzt. Ich habe auch noch eine vorhandene Paste aus Chili und Knoblauch dazugegeben. Dann: Hitze runter, Deckel drauf.

Deckel drauf und schmurgeln lassenUnter gelegentlichem Umrühren leise vor sich hin köcheln lassen. Die Bildanalyse zwischen dem ⇑Bild und dem ⇓ Bild ergab: Das köchelte eine gute Stunde leise vor sich hin. Und sah dann so aus:

Fast fertig.Und: Nein: Es ist keine Brühe, kein Wasser, oder irgendeine andere Flüssigkeit dabei. Alles aus dem, was in den Gemüsen steckte. 

Zeit, um das Drumherum her- und alles anzurichten:

Knusperfischfilet, Wild-&Vollkornreis, LetschoDer Reis ist eine Kombination aus Wild- und Vollkornreis, das Riesenfischstäbchen ist ein Knusperfischfilet eines bekannten zusatzstofffreien Herstellers. 

Knusperfischfilet, Wild-&Vollkornreis, LetschoDie Anordnung auf dem Teller war übrigens durchdacht: Die Feuchtigkeit des Letscho sollte ja nicht die knusprige Panade des Fischs aufweichen … 

Knusperfischfilet, Wild-&Vollkornreis, LetschoHat übrigens geklappt und alles kam erst auf der Gabel und dann im Mund zusammen. Lecker. Es hatte auch ein wenig Pfiff, da irgendwann vor dem Deckel auch noch eine gehackte frische Chilischote den Weg in die Pfanne fand … 

Abendbrot

Einen Rest wollte ich als Frittata, gefüllt mit Reis und Letscho, zum Abendbrot essen. Aus dem Omelett wurde es nix, also gab es gefülltes Rührei. Oder Bratreis mit Ei und Letscho. Nennt es, wie ihr wollt. 

Abendbrot: Gefülltes RühreiJetzt hab ich noch Vorratsdosen Letscho im Kühlschrank. Wer hätte auch gedacht, dass aus 3 Gemüsezwiebeln, drei Paprikaschoten, 5 Tomaten und einer Dose Tomaten soooo viel Letscho entsteht. 😉 Vielleicht kann ich es meinen Kolleg/inn/en auf Arbeit andrehen, wobei: eine ist chilisensibel, sie gehört also nicht zur Zielgruppe. Hätte ich mal früher dran denken sollen.

Au Backe – und eine Pyramide auf Spitze (mit Disneyfilm-Dreh)

Ausblick zum Belvedere
Der Blick zum Belvedere am Westufer des Tollensesees. Das hat nix mit den Pyramiden zu tun. Zumindest wollte ich keinen Zusammenhang konstruieren. Säulenbauwerke hatten sie ja damals zu Zeiten der Pyramidenerbauung auch schon. 😉

Kennt ihr die Pyramiden von Gizeh? Stichwort: Cheops, Chephren, Mykerinos oder Chentkaus I. Architektonische Highlights der Menschheitsgeschichte. Könnt ihr Euch vorstellen, eine derartige Pyramide auf die Spitze zu setzen? Also unten eine klitzekleine Grundfläche und nach oben immer breiter werdend. Kann man sich vorstellen. Zumindest als geometrische Figur. In natura wird das schwerer, aber vielleicht sollten wir mal eine andere Pyramide als Vorpild Vorbild nehmen, mit der man das eher machen kann. DIE ERNÄHRUNGSPYRAMIDE! Das passt doch (fast)! Zumal wir uns auch auf dem Bereich bewegen.

Auf veg(et)a(risch/n)en Ersatz-Produkten (vProdukte) steht ja gern mal drauf, auf welcher pflanzlichen Basis sie beruhen. So auch ein Kochwurstsimulant, den ich diese Woche testweise kaufte. Die Titelseite frohlockte, dass das Produkt auf Basis von Sonnenblumenkernen entstanden ist. ‚Das könnte passen‘, dachte ich mir. Diese Brühwürste (gemeint ist das fleischliche Vorbild) sind sowieso immer ein wenig fettig, so dass eine Ölfrucht als Basis vielleicht gar nicht so schlecht ist.

Die Lektüre der Zutatenliste ließ mich an das Bild der auf den Kopf gestellten Pyramide denken. Gerade mal 2% der Basiszutat sollen im Produkt enthalten sein. Aber nicht in seiner natürlichen Form, sondern auch noch maximal denaturiert. Das ist doch alles Augenwischerei in der Nähe von Betrug. Das ist keine vernünftige Ernährung, das ist keine natürliche, regionale, gesunde Ernährung. Das ist reinste Industrieware mit allen Nachteilen, die derartige Produkte haben, im Mantel der Weltverbesserung und des Umweltschutzes. Das ist künstliche Nahrung, nicht sehr viel besser als glutamatlastige Tütensuppen. Ein aromatisierter Erdbeerjoghurt mit einer Viertel Erdbeere drin (sehr viel mehr ist in so einem Joghurt nicht) ist eine Ausgeburt der Natürlichkeit im Gegensatz zu vProdukten der vielfältigsten Art. Es mag positive Beispiele geben, ich habe noch keins gefunden. Wer früher Analogkäse und Formfleischschinken auf Fertigspeisen gut fand, dem können auch die vProdukte gefallen. Da hilft es auch nicht, dass die Fitzelcheneinlagen „Grillgemüse“ einen höheren Anteil haben als die Basis des Produkts. Selbst die Binde- und Trägermittel sind ini größerer Menge vorhanden, als die Basis. Und Wasser natürlich auch. Der letzte Mist, diese Produkte.

Belegte Brötchen mit veganem Schinkenwurstaufschnitt mit GrillgemüseZum Testen habe ich mal ein Brötchen aufgeschnitten, mit etwas Butter bestrichen und dann mit der veganen Schinkenwurst mit Grillgemüseeinlage belegte. Die Gurkenherzchen sind leider nicht so gut gelungen, im Gurkenglas fanden sich nur noch unförmige Salzgurken, die kein vernünftiges Schnittbild ergaben.

Belegte Brötchen mit veganem Schinkenwurstaufschnitt mit GrillgemüseWer solche Brühwurst kennt (ob jetzt mit Einlage oder ohne), der weiß, dass diese bei zu großer Nähe zum MHD gern mal einen leicht schleimigen Überzug bekommen. Den spürte ich hier auch schon, wenngleich ich durchaus mit dem Testen noch bis in den März hinein hätte warten können. Die Lektüre der Zutatenliste wies Rapsöl als Bestandteil aus, auch eine Quellmöglichkeit des schleimigen Überzuges. Und Sonnenblumenkerne sind ja auch die Basis des Produktes! Steht groß vorn drauf. Die sind auch eine Quelle für flüssiges Fett.

Hauptbestandteil ist natürlich … Wasser, gefolgt von 1/8 Grillgemüse (Paprika und Zucchini im Verhältnis 2:1). Sage und schreibe vier Verdickungsmittel sorgen für Konsistenz, Salz, Zucker, Gewürzextrakte und Aromen für Geschmack. Proteine kommen von den schon erwähnten Sonnenblumenkernen und von Kartoffeln. Hier liegt dann auch einer der großen Kritikpunkte: Wenn als Zutat zu einem Produkt nur die Proteine einer Pflanze drin sind, dann ist das eine hochverarbeitete, denaturierte Substanz, deren pflanzlicher Ursprung irgendwo in einer Industrieanlage verloren gegangen ist.

Was ist eigentlich das Gegenteil von „befangen“? Ich könnte im Zusammenhang mit diesem Produkt nämlich genau das sein. Soll heißen: Ich bin kein großer Freund von Schinkenwurst, Fleischwurst, Lyoner, Bierschinken und was es in dem Zusammenhang noch alles gibt. Natürlich habe ich die klassische Paprikawurst, die wohl hier ein Vorbild sein soll, schon mal gegessen, sonst könnte ich ja keinen Vergleich anstellen. Aber, wenn ich die Wahl habe, nehme ich auch gern etwas anderes.

Diese vSchinkenwurst mit Grillgemüse ist gar nicht schlecht. Den Vergleich mit einem wie auch immer und von wem auch immer hergestellten Original braucht das Produkt nicht zu scheuen. Wenn man von der leicht schleimigen Haptik absieht, stimmen Konsistenz und Mungefühl. Und auch der Geschmack ist gut getroffen, ohne Fehlaromen, die anderen Produkten eigen sind.

Sonntagmittag

Noch im letzten Jahr hätte ich nicht erwartet, dass genau das passiert. Entweder, meine Ansprüche sind gesunken oder die Qualität stieg. Ich unterstelle mal zweiteres, denn das Mittag am Sonntag war auch wieder sehr lecker.

Rinderbacke, geschmort, an Möhrengemüse, glasiert, und KräuterstampfkartoffelnAuf der großen Essplatte, auf der sonst vermutlich Aufschnitt auf einem kalten oder ganze Hühner oder Enten auf einem warmen Büffett dargeboten werden, fanden sich Tranchen von geschmorter Rinderbacke (super zart) in leckerer Soße, dazu gab es ein glasiertes Möhrengemüse und ein Kräuterkartoffelstampf. Garniert wurde mit frittierten Gemüsestreifen, die im Unterschied zum letzten Sonntag diesmal richtig gut waren. Knackig, würzig, super. Auch die Möhren und die Stampfkartoffeln reihten sich in die Leckerness ein. Ansonsten sei nur auf einen Artikel der Verbraucherzentralen verwiesen.

Dieser Teller war ein Beleg für die ausdrückliche Warnung von Ernährungsexperten, nicht zu oft in Gaststätten und Restaurants zu essen. Die aufgenommenen Nahrungsmengen sind ungesund. Die Standard-Portionsgrößen müssen unbedingt kleiner werden! Es muss eine Lösung gefunden werden, gerade auch in der Kommunikation zwischen Gast, Service und Küche, um sinnvolle Portionsgrößen, ihre Abrechnung und alles andere, was daran hängt, zu ermöglichen, damit die Essenden glücklich, zufrieden und nicht gemästet die Lokalitäten verlassen.

Dieses Restaurant werde ich aus eigenem Antrieb vorläufig nicht wieder besuchen. Das liegt aber nicht an der Qualität des Essens sondern nur an den Portionsgrößen. Und ich werde dem Bäcker meines Sonntagskuchens mal einen Tipp geben, wenn ich mal wieder bei ihm reinschneie. Dass ich diesen Sonntag wieder nicht da war, lag ausdrücklich nur an dieser Mittagsportion.